Reichardt, Tobias: Marco Iorio: Karl Marx – Geschichte, Gesellschaft, Politik
Marco Iorio: Karl Marx – Geschichte, Gesellschaft, Politik. Eine Ein- und Weiterführung, de Gruyter, Berlin 2003
Für eine Habilitationsschrift durchaus ungewöhnlich, will dieses Buch eine Einführung in die marxsche Geschichtstheorie bieten, obgleich in Kombination mit einer “Weiterführung”. Dem Autor geht es weder um eine bloße Apologie noch eine rundheraus ablehnende Haltung zum marxschen Werk. Er meint vielmehr, die nicht länger durch die Blockkonfrontation gekennzeichnete politische und soziale Gegenwart gestatte es, mit dem Werk von Marx und Engels “so umzugehen, wie wir es in der Wissenschaft mit den Schriften anderer Denker und Denkerinnen zu tun gewöhnt sind” (S. 3). Zu Recht hält er dies für ein dringendes Desiderat, denn bedauerlicherweise war tatsächlich in Deutschland eine unbefangene, sachliche Auseinandersetzung mit Marx bisher nicht ohne weiteres möglich. Ist auch offen, ob Iorio mit seiner optimistischen Beurteilung der akademischen Gegenwart Recht behält und mittlerweile eine Beschäftigung mit Marx unbekümmert um politische Bekenntnisse und allein um der Sache willen Anerkennung findet, so ist dieser Anspruch doch unbedingt zu begrüßen.
Iorio betont in diesem Zusammenhang seine wissenschaftliche Distanz zu Marx. Dessen ökonomische Theorie sei “wohl im wissenschaftlichen Sinne des Wortes als widerlegt” (S. 1) zu betrachten, leider ohne dass die Art dieser angeblichen Widerlegtheit näher gekennzeichnet oder gar begründet würde. Die ökonomische Theorie spielt daher bei Iorios Ausführungen eine stark untergeordnete Rolle. Es geht ihm vor allem um eine Untersuchung der zentralen marxschen geschichtstheoretischen Begriffe, die er offenbar unabhängig von der Kritik der politischen Ökonomie behandeln zu können glaubt. Es bestehe - so die These – ein Konflikt verschiedener Elemente der marxschen Geschichtstheorie, eine Spannung nämlich zwischen dem Historischen Materialismus und der Theorie des Klassenkampfs, weil sich “der Historische Materialismus einer Begrifflichkeit bedient, die sich zu den Begriffen der Klasse und des Klassenkampfs wie Öl zu Wasser verhält” (S. 2). Dabei gedenkt der Autor diese Spannung in einem Sinne, der mit den marxschen Intentionen verträglich sei, zu lösen.
Nach Iorio beruht der marxsche Historische Materialismus auf einem ökonomistischen “Menschenbild”, das im Grunde willkürlich sei, weil es ja auch viele andere Ansätze gebe (S. 14). Dieser Historische Materialismus bestehe nun aus “drei Grundelementen und einer Aussage darüber, wie der Zusammenhang zwischen diesen Elementen beschaffen ist” (S. 8). Die “Grundelemente” seien die Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse und die Bewusstseinsformen, der Zusammenhang bestehe in der Entsprechung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen einerseits, von Produktionsverhältnissen und Überbau andererseits. Bereits hier dürfte deutlich geworden sein, dass auch für Iorio das Vorwort der marxschen Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie ein Schlüsseltext ist, obwohl er zu Recht auch darauf hinweist, dass die übermäßige Verwendung dieses kurzen Textes zu einem unzulässig vereinfachten Bild der marxschen Theorie führen könne (S. 55). Zentral ist, dass Iorio sich gegen ein Verständnis des Historischen Materialismus als einer kausal erklärenden Theorie wendet und mit dem das gesamte Buch prägenden Analytischen Marxismus übereinstimmt, der die “funktionale Erklärung” für die spezifische Leistung des historischen Materialismus hält. Diesem Erklärungstyp zufolge, dem der Autor breite Ausführungen widmet, sei es möglich, den Produktivkräften bzw. den Produktionsverhältnissen einen Primat zuzuordnen, ohne umgekehrte Bedingtheiten und Wechselwirkungen auszuschließen: “Dass die Produktionsverhältnisse die Funktion haben, der Entwicklung der Produktivkräfte förderlich zu sein, und den Bewusstseinsformen die Funktion zukommt, der Stabilisierung der Produktionsverhältnisse zu dienen, soll dieser Deutung zufolge nicht erklären, wie es zu diesen Verhältnissen und Formen gekommen ist. Vielmehr sollen diese Funktionszuschreibungen erklären, wie das System [...] insgesamt operiert” (S. 169 f.). Der Historische Materialismus ist demnach eine Systemtheorie. Und so könne “diese Theorie von Marx nicht beanspruchen, irgendetwas Aufschlussreiches über die kausalen Mechanismen zu sagen, die zu den Änderungen der Produktionsverhältnisse und der Bewusstseinsformen führen.” (S. 172). Aussagen hierüber treffe dagegen die Lehre vom Klassenkampf, die Iorio vom Historischen Materialismus trennt.
Iorios Distanz zur marxschen Theorie ist so groß, dass er ihr letztlich kaum noch einen mehr als bloß historischen Wert zu zuerkennen gewillt ist. Marx teile mit Hegel den “uns mittlerweile sehr fremd” gewordenen Gedanken von einer in sich stimmigen Interpretation der Geschichte. Für diese gelte: “Nichts von dem was je geschah und noch geschehen wird, ist diesem Gedanken zufolge reiner Zufall und ohne Bedeutung für den großen Zusammenhang” (S. 17). Dass der Zufall absolut ausgeschlossen würde, ist indes sowohl für Hegel als auch für Marx unzutreffend. Schon Hegels dialektische Geschichtsphilosophie leugnet nicht jeden Zufall, sondern stuft ihn herab gegenüber der Notwendigkeit in der Geschichte. Noch weit mehr gilt dies für Marx, wie etwa schon der oberflächliche Blick auf das Epochenkapitel der Grundrisse lehrt (man vgl. auch MEW 42, 43: “Berechtigung des Zufalls”.). Überhaupt neigt Iorio dazu, sich auf “heutige Begriffe” oder das “uns” Plausible zu berufen, ohne sich auf Marxens Gedanken wirklich einzulassen, denen gegenüber er vielmehr eine unangenehm herablassende Art an den Tag legt (vgl. S. 187: “Jetzt wollen wir trotzdem schauen, was sich Positives aus seinen Überlegungen gewinnen lässt”). Marx und Engels werden dann “einfach nur als Kinder ihrer Zeit” (S. 19) verstanden, deren Argumenten nachzugehen wohl nicht mehr lohnt. Sein höchsten Lob spricht der Autor aus, wenn er bei Marx eine Konzeption findet, “die unserem heutigen Verständnis [...] durchaus Rechnung zu tragen vermag” (S. 114). So entsteht beim Leser der Verdacht, Marx werde nur herangezogen, weil man mit seiner Hilfe ohnehin bestehende common-sense-Meinungen bestätigen zu können glaubt.
Iorios Thesen wären in vielen Einzelheiten richtig zu stellen. Die wohl größte Schwäche dieses Buches ist jedoch, dass die angeblich widerlegte ökonomische Theorie Marxens nicht beachtet wird. Kein Element der marxschen Theorie lässt sich jedoch gesondert von seinem ökonomischen Hauptwerk betrachten, schon gar nicht die Geschichtstheorie. Iorio trennt die Geschichtstheorie von der ökonomischen Theorie und erklärt jene zur “wichtigsten” Theorie Marxens, um sich dann zu wundern, wie wenig sie ausgearbeitet sei (S. 11). Dagegen ist fest zu halten, dass die marxsche Theorie von Geschichte und Gesellschaft im Allgemeinen keineswegs unabhängig von der Kritik der politischen Ökonomie, der Theorie der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen ist. So weit ich sehe, hat Iorio die wichtige, wenn auch späte, Aussage Marxens, keinen “Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie” (MEW 19, 112) zu liefern, nirgends erwähnt. Der Autor bemüht sich unbekümmert genau um einen solchen Universalschlüssel. Dies geschieht mit Hilfe des Verfahrens, einzelne Stellen aus den verschiedensten Werken Marxens zu zitieren und – polemisch gesprochen – frei assoziierend eine “arg flapsige” (S. 235) Interpretation daraus zu zimmern. Ein Unterfangen, Begriffe wie die des Widerspruchs von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen oder der Klasse ohne Berücksichtigung der ökonomischen Theorie zu bestimmen, ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Wenn Iorio die Kritik der politischen Ökonomie ignoriert, so entgeht ihm damit gleichzeitig auch ein Großteil an auch für sein Thema höchst relevanter, auch neuerer Sekundärliteratur, welche er nämlich nur sehr selektiv zur Kenntnis nimmt (z. B. hätten folgende Sammelbände Iorio relevante neue Gedanken vermitteln können: Diethart Behrens (Hrsg.), Geschichtsphilosophie oder das Begreifen der Historizität, Freiburg 1997; Hans-Georg Bensch/Frank Kuhne (Hrsg.), Das Automatische Subjekt bei Marx, Lüneburg 1998).
Vielleicht wäre es bei einer angemessenen Berücksichtigung der Kritik der politischen Ökonomie auch nicht zu der sich durch das Buch ziehenden, äußerst problematischen These gekommen, Marx vertrete einen “sozialen Individualismus”. Im Gegensatz zum “Holisten” reduziere ein sozialer Individualist wie Marx die Gesellschaft auf die Interessen und das Handeln der Einzelnen. Iorio beruft sich zur Stützung dieser Interpretation in erster Linie auf einzelne Äußerungen aus den Frühschriften. Insbesondere angesichts der entwickelten Kritik der politischen Ökonomie, die Iorio wie gesagt nur bruchstückhaft wahrnimmt, erscheint Marxens Einordnung als “sozialer Individualist” jedoch als fragwürdig. Sein Begriff des Kapitals geht auf das Ganze der Gesellschaft, durch die er die Einzelnen bestimmt sieht. Zweifellos reproduziert sich das Kapitalverhältnis nur durch die Handlungen der Einzelnen. Durch diese hindurch und “hinter dem Rücken” der Einzelnen ist jedoch das gesellschaftliche Ganze bestimmend. So haben andere Interpreten mit sehr viel mehr Plausibilität in der marxschen Theorie die “Vormacht eines Objektiven über die einzelnen Menschen” (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1970, S. 295) ausgedrückt und erklärt gesehen.
Es ist anzuerkennen, dass Iorio einen unbefangenen, wissenschaftlichen und vorurteilsfreien Zugang zu Marx sucht. Neben sinnvollen Analysen der marxschen Terminologie führt dieses Unternehmen allerdings zu einer erneuten Verabschiedung von Marx mit altbekannten Argumenten. Weitgehend beruhen diese Argumente auf Iorios unzureichendem Verständnis der marxschen Theorie, der er daher letztlich nicht gerecht wird. Wenn sicher auch an vielen marxschen Äußerungen zur Geschichtstheorie zu Recht Kritik zu üben wäre, muss sich der Autor in diesem Fall den Vorwurf gefallen lassen, dabei längst überholte Vorurteile über die marxsche Theorie zu reproduzieren.
hinzugefügt: August 12th 2004 Autor: Reichardt, Tobias Punkte:     5 Zugriffe: 3090 Sprache: deu Typ: Rezension Weitere Artikel dieses Autors:
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