Mechlenburg, Gustav: Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes
Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens, Zu Klampen Verlag, 511 Seiten, 36 Euro
Geld regiert die Welt. Politisch ist das längst klar und Weltgeschichte ohne das Streben nach Profit auch nicht zu verstehen. Eine stärkere These, die marxistische Soziologen und Anthropologen in den 60er Jahren vertraten, besagt, dass die kapitalistische Wirtschaftsform nicht nur Politik und Alltag bestimmt, sondern auch die Gesetze unserer scheinbar universalen Naturwissenschaft. Das war natürlich kritisch gedacht und bedeutete, dass man sich die Welt auch ganz anders vorstellen könnte, selbstverständlich besser.
2004 gibt es wieder etwas zu entdecken. Der Altphilologe Eske Bockelmann geht noch einen Schritt weiter und behauptet, die Logik des Geldes hätte sich bis tief hinein in unsere psychischen Wahrnehmungsstrukturen breit machen. In seinem Traktat „Im Takt des Geldes“ versucht er dies anhand des Rhythmus nachzuweisen. Rhythmus, wie wir ihn kennen und für selbstverständlich halten, wenn etwas gleichmäßig tönt, ist seiner Ansicht nach keineswegs schon immer als solcher wahrgenommen worden. Dazu zitiert er seitenweise antike griechische Verse. Und tatsächlich haben die komplizierten Einteilungen von langen und kurzen Silben etwa im Daktylus mit unserem heutigen Rhythmusgefühl kaum etwas zu tun.
Bockelmann wagt den Umkehrschluss, dass die alten Griechen unser heutiges Taktgefühl genauso wenig hätten nachvollziehen können. Ein Hinweis auf fernöstliche Musik hätte zwar schon genügt, um unsere Vorstellung von Rhythmik nicht zu verallgemeinern. Doch Bockelmann braucht den großen geschichtlichen Wurf. Denn nur so lässt sich zeigen, dass der neuzeitliche Takt, der Töne in ein Raster gleicher Zeiteinheiten fügt, einen weltgeschichtlichen Bruch zu Ohren bringt.
Und das nicht zufällig. Seine These ist, dass der Taktrhythmus in Zusammenhang steht mit einer Veränderung der Geldwirtschaft im 17. Jahrhundert. Trotz des Umfangs seiner Studie hält sich der Autor bei der Erklärung, was sich da genau getan hat, leider im Vagen. Er nennt den Übergang von Feudalismus in geldwirtschaftliche Verhältnisse, das Aufkommen des Kreditwesens und der doppelten Buchführung. Der zunehmend bargeldlose Handel soll eine einzigartige Abstraktion in Gang gebracht haben, die erstmals Äpfel mit Birnen vergleichen ließ. Denn allein das „Geld kennt kein Beziehen auf etwas, was außerhalb läge.“
Nachtigall, ich hör dir trapsen. Wer sich an eine verblüffende Geldverflüchtigung oder -anhäufung einfach nicht gewöhnen kann, hat es dennoch längst verstanden, pfeift man sich das abstrakte Prinzip doch schon morgens, bevor man den Finanzmarkt durchblättert, unter der Dusche vor.
Wie bei Verschwörungstheorien, wo plötzlich alles passt, wenn man sich die Welt nur erst einmal zurechtgelegt hat, funktioniert auch Bockelmanns Entdeckung. Vom Gedanken getrieben, dass das moderne Denken vollständig von der funktionalen Abstraktion des Geldes durchdrungen ist, sind selbst ganz unmittelbare Erfahrungen wie die Rhythmuswahrnehmung nicht mehr unschuldig. Nur argumentiert Bockelmann gerade umgekehrt. Er behauptet, erst das Phänomen Rhythmus könne den Wirkzusammenhang des Geldes aufdecken. Das ist falsch. Dem Takt kann man vielleicht gesellschaftliche Verhältnisse ablauschen, aber an ihm nicht deren Ursache erforschen.
Auch wenn Bockelmanns Herleitung des neuzeitlichen Denkens und Fühlens aus der Geldwirtschaft nicht überzeugen kann und sein Entdeckergestus zuweilen lächerlich wirkt, als Einzelstudien zu Rhythmus, Geld, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft sind seine Ausführungen fundiert und informativ. Einer Kritik an kapitalistischen Verhältnissen enthält sich der Autor wohlweißlich ganz, denn wer den Einfluss des Geldes auf unser Leben so umfassend veranschlägt, dem fehlt der argumentative Hebel, daran etwas verändern zu können.
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Erstabdruck: © 2004 Financial Times Deutschland
hinzugefügt: July 9th 2004 Autor: Mechlenburg, Gustav Punkte:      10 zugehöriger Link: textem Zugriffe: 5169 Sprache: deu Typ: Rezension Weitere Artikel dieses Autors:
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