Wilkens, Sander: Konventionen und die Reparatur der Gesellschaft Seite: 1/2
Konventionen
und die Reparatur der Gesellschaft.
Von Sander Wilkens
I.
Warum eine
derartige Frage, ein solcher Zusammenhang – die Gesellschaft hat eine Natur,
sie repariert sich selbst. Ändert sich die Konvention, nun, dann hat sich eben
die Natur geändert. Dort, wo sie ankommt, wo sie hinstrebt, findet sich die
Masse, und Menge, und es ist unnütz, diejenige, die stärker ist als alle
anderen, überwinden, gar umkehren zu wollen. Besser, man lässt die Dinge, wie
sie waren, gibt denen, die hatten, und fördert nur, und insbesondere, jene, die
uns beides erhalten. Die Natur will Veränderung, schon immer, und wir wollen
ihr nicht entgegentreten. Weniger, nehmen wir denen, die sie zu vereiteln
suchen, die Macht und das Ansinnen.
Die anderen aber wissen, es gibt, am Mechanischen, den Massenbewegungen,
gemessen, keine, die, sobald sie auch nur eine geringe Neigung zeigt, die ihrem
Schwung proportional ist, nicht im Gegenpol stattfände. Die gleichförmige, in
sich selbst nur geradeaus strebende Bewegung ist, in der Natur, eine Schimäre.
Selbst die Sonne, das glückspendende Symbol unserer Erde, ist, als Zentrum
ihres Systems, kein absoluter Schwerpunkt, noch weniger der des Universums.
Schon Newton wusste ihn nicht. Wer aber, wo doch die Massen nicht überschaubar
sind, wollte ihn dann, und heute im Feld der mikroskopischen Massen umso mehr,
noch festzulegen versuchen? Weil aber der Gegenpol auch ist, seine Existenz
unbestreitbar in ein und dieselbe Bewegung hineinwirkt, kann man die Natur
nicht sich selbst überlassen. Unmöglich kann die Tugend des Ausgleichs, der
wahren Bilanz, unsere Gesichter verlassen, nur weil eine Strömung, eine Art von
Konvention sich auf den Weg gemacht hat, alle anderen hinter sich zu lassen.
Dabei, nehmen wir die Natur von der anderen Seite, nicht derjenigen der
Existenz, in denen wir die Kräfte und ihre Anziehungen wähnen, wozu auch jene
zählen, denen wir uns, aus Zwang oder aus freier Entscheidung, überlassen und
aus denen sich das persönliche Schicksal formiert. Sondern nehmen wir sie von
jener Seite, in der wir gewohnt sind, seit Alters unsere Urteile zu bilden,
über Wahrheit zu plaudern und Wahrheit zu bestimmen, und fragen wir uns, was
die Veränderung verlangt. Ein, am
Rande erwähnt, nobler, vornehmer Begriff der Philosophie, dem sie alle, seit
der Antike, ihr Engagement widmeten: dynamis,
kinesis, das Unaufhaltbare im
Wachstum, im Leuchten und Geben des Stoffes. Halten wir stattdessen zu einem
späten Zeitpunkt schon bei Kant. Und sprechen wir für einen Augenblick das Englische,
weil sie die dominante Konventionalsprache dieser Welt geworden ist. He, we should try to express, is still forming the aftermath of our
understanding as being rationalists. Die Veränderung ist, nach Kant, kein Begriff, der in der Tafel auftaucht,
dort, wo die reinen, ganz aus sich gültigen Begriffe der menschlichen Vernunft
beheimatet sind, sondern empirisch.
Dies bedeutet, wir müssen sie erlernen, Erfahrung gewinnen und Erfahrung
hinzunehmen, um irgendjemand oder uns selbst zu erklären, was Veränderung ist.
Dies heißt auch, das Urteil, in dem sie gemessen wird, ist von jener Natur, die
seit dem 16. Jahrhundert eine Schule der Erziehung wurde (Montaigne,
Shaftesbury, die vielen anderen), indem wir uns einlassen müssen, hin- und her
wenden und den Geschmack fühlen und schätzen, den ein wohl bilanziertes Urteil
erübrigt. Von dieser Natur sind die anderen Urteile nicht, so Kant, um das Bild
zu ergänzen, in denen wir eine Ursache, eine Substanz, oder auch nur eine
Menge, eine Quantität, voraussetzen. Die Philosophie aber, wie wir nun sehen,
entlässt weder sich selbst noch die anderen, die sich bei ihr zu erkundigen
suchen, aus den Schwierigkeiten.
Dennoch aber wollen wir versuchen und besinnen uns über den Disput, der
bisher ausgeworfen ist. Und wir sagen, die
Natur der Gesellschaft besteht in beständiger Veränderung. Wir wüssten
keinen Grund der Geschichte, wüssten nicht, warum, wenn wir die Erfahrungen von
natürlichen Katastrophen, Kriegen und von solchen Erfahrungen zusammennehmen,
die uns aufständische Bewegungen im Politischen bescheren, warum wir dennoch,
wenn wir sie zusammen genommen abziehen, nicht bei einer Gesellschaft anlangen,
die in sich beruhigt, gefestigt und harmonisch ist, die ihren Weg ohne
Veränderung verfolgt. Rasch aber beschleicht uns der Zweifel, ob wir mit diesem
Satz hinreichend werden haushalten können. Bedenken wir, was die einen, so weit
wir können, über unser Herkommen sagen, wie wir es selber in der Schule gelernt
haben. Sodann gab es schon damals, als die ersten Zeugnisse über die
menschliche Gesellschaft einkehrten, eine Hierarchie zwischen denen, die
regieren und denen, die regiert werden,
gab es die höheren und die niederen Stände, die Wohlhabenden und die Armen, gab
es solche, die Waffen tragen, und Zustände wie Streit und den Frieden. Also müssen
wir alles umkehren und sagen, nein, die
Natur der Gesellschaft verändert sich nicht, als ein ständisches Wesen,
insgesamt oder in Teilen bereit zur Gewalt oder nicht, und ausgestattet mit
einem spezifischen Mechanismus der Führung. Wir können versuchen es klein zu
machen, feinmaschig, und nehmen nur eine heutige Legislatur zur Probe. Dabei,
ohne Zweifel, verändert sich das Gewicht der Beweislast im einen wie im
anderen, aber wir geraten auf keinen Fall hinaus. Wo wir auch hinsehen, und sehen
wir gerade dahin, wo eine Regierung aufgrund ihrer Vorgabe oder Überzeugung
verändern will – sie gelangt nicht hinaus. Unterstellen wir ihr, sie wolle ein
wahres Maß der Gleichheit wieder herbeiführen, wenn die Gesellschaft, als
erwähnte Konvention, dazu übergegangen ist, dieses über große konstitutionelle
Mühen verbriefte Verfassungsrecht in einem neuen Sinn zu lesen: gleich bist du
erst, wenn du uns die Obligation deiner Zugehörigkeit, zu unseren Sitten, unser
Mentalität und zu unserem gesellschaftlichen Einfluss übermittelt hast, was,
wohlverstanden, ein Ausdruck für Macht ist, und zulässt, dass wir dich in
diesem Sinne lenken. Nein, sie hat es nicht umkehren können, und der Wille, ob
er sich wendet oder wandelte, steht einer erneuten Befragung an, einer alten
überlieferten Geste gleich, bei der wir dem Hauch, der der Urne entweicht, ein
Signum des Wesens anraten. Damals, wenn die Erinnerung richtig ist, ging um es
Prärogative, zudem um die göttliche Beihilfe. Wohin aber sind wir nun gelangt,
wenn beide Sätze in der Erfahrung überaus wahr sind – ist es ein Widerspruch,
eine Obligation der Unvernunft, ein erster Fehler unserer Gedanken? Nein, ganz
und gar nicht, die Philosophie, auch wenn man ihn dort oder anderwärts, etwa
bei einem französischen Politologen des Realismus, Julien Freund, nicht findet, nennt diesen Fall eine Antinomie. Wenn beide Sätze, als
unmittelbarer Gegensatz, zugleich wahr sind, dann sind sie antinomisch
veranlagt. Man kann die Erfahrung verringern, diminuieren, so bleibt immer der
Sprung zum Gegenteil notwendig übrig. Wir aber wollen noch anders schließen.
Ist nicht vielmehr dieser Gegensatz eine wahre Anzeige der Tatsache, dass, wenn
eine Bewegung stattfindet, und die Gesellschaft ist somit ein Herd von Bewegung
schlechthin, dieselbe in einer… - Polarität stattfindet? Der eine Pol sagt
somit beständig, es bleibe wie es ist, mehr, er darf sich darauf verlassen, sie
wird sich in ihrer Substanz nicht tatsächlich verändern, es mag sie ein Sturm
oder eine innere Erstarrung ergreifen, sie wird doch bei dieser Natur
verharren: zu ihr zurückkehren. Der andere aber wirkt hinein, ergreift jedes
einzelnen Moment und alle zusammen und bewirkt, dass kein Tag dem zweiten
gleicht und das Schicksal und nicht nur das Individuum ein unerschöpfliches
bleibt, wie uns einst die Alten und heute noch immer einige Philosophen lehren
(die Selbstbestimmung und das Selbstbewusstsein bei Volker Gerhardt der
Humboldt-Universität zu Berlin).
Bleiben wir hier zunächst stehen, so müssen wir, an dem einleitenden
Disput gemessen, aber dem zweiten das Recht der wahren Haltung bescheinigen. Er
solle uns leiten, weil er es richtig erkennt. Denn er wird sich auch nicht
darüber täuschen lassen, dass, bei der Strömung, dem täglichen Andrang, den sie
auf die Gefühle und die Einschätzung der Welt und ihres Zustandes ausüben,
tatsächlich ein anderes Ende herauskommt: eine Verwandlung der Gesellschaft, in
der sie ihre wesentliche Vereinzelung, ihre, sagen wir, wesentliche Aggregation aufgibt, um stattdessen so
etwas wie ein kollektives Subjekt – und eine vermeintlich neue Natur – zu
werden. Dies nämlich ist das politische Thema, die Rubrik (French 1984), wenn
man benennen wollte, was die Konvention, die alle anderen hinter sich lässt,
zum Ziel hat. Immerhin, der Schwung ist keine Schimäre und dort, wo eine
Unmittelbarkeit, eine direkte Berührung mit der Bewegung fühlbar ist, möchte
man keineswegs sagen, sie ist ohne eigentümliche Aggressivität… und also auch
Gefahr. Um einen bloßen Verkehr jedenfalls handelt es sich nicht.
II. Schwung und Schimäre[n]
Der soeben
benutzte Ausdruck Schwung ist, als Boost oder
Boom, als Élan oder gelegentlich der Entrain
ein Wort auch der Wirtschaftssprache[n]. Deren Konjunktur aber ist in der zunehmenden
Aggregation der Menschheit immer mehr zum zentralen Faktor der Beschreibung
menschlicher Wohlfahrt geworden. Ob es gelingt, sie in der konzertierten (=
gemeinsamen) Aktion der Nationen hervorzubringen, oder nicht wie überwiegend
zum gegenwärtigen Zeitpunkt, bezeichnet eine Bedingung der menschlichen
Existenz, die ein antiker oder mittelalterlicher Handwerker oder Justiziar, zum
Beispiel genommen, sich wird kaum haben vorstellen können. So wirkt eine
effektive, wirkliche Masse – die Bevölkerungszahl, welche die Individualität
aufzehrt – in der anderen, die sich, als Bewegung, in ihrer Konvention äußert.
Wer seine Schulbildung, jene des Geschichtsunterrichts für einen Augenblick
Revue passieren lässt, wird sich vielleicht an die Abbildung der Statuten der
verabschiedeten neuen französischen Konstitutionalverfassung erinnern,
proklamiert durch den einigen und nunmehr einzigen dritten Stand. Es handelt
sich um eine Tafelsäule, dort die Artikel, deren Sockel eine Art von Truhe oder
Tresor bildet, der die dreifaltigen Embleme trägt: Liberté, Égalité und Fraternité. Wie alles, was wir als
Menschen der Erfahrung der Natur oder unserer selbst entnehmen, unterliegt
dieser Tresor in unseren Tagen einem wesentlichen Verfall. Sagen wir ruhig,
damit wir uns nicht täuschen, er scheint eine Kiste geworden, die, wenn es
gelte, ein Schiff zu beladen, einen unwürdigen Ort erhielte, am Ende des
Gepäcks und unwürdig, die Balance zu bezeichnen. Es ist nicht mehr wahr, alles
andere als lebendige Erfahrung, wenn wir behaupten wollten, der unmittelbare
erste, unreflektierte Kontakt, die Berührung der Menschen auf der Straße, im
Geschäft und bei allen konkreten, unmittelbar beweglichen Formen der Kommunikation
wäre ein direkter Ausdruck der dort perpetuierten Ideale – die, Verfassung
geworden, auch Postulate sind. Ganz im Gegenteil, die stille Liaison, jene,
die, um zu sein und zu wirken, in der Halbkommunikation ihren Faden spinnt,
spricht eine neue Form der Aggregation, bei der es um Ein- und Ausschließung
geht und nicht, gerade nicht, um eine konstante Beweglichkeit, die wir dem
Fähnchen beilegen, das wir an uns selber haben. Wer dies nicht kennt oder
zweifelt, was es sei, möge sich zuerst an die alten Kirchenbildnisse erinnern,
wo angesichts des Verursachers der Sünde, der der Teufel hieß, alle umstehenden
menschlichen Wesen mit einem Fähnchen sprechen[1]
– was wohl heißen soll, sie sprechen nicht wirklich: mit offener, vernehmlicher
Stimme. Um das Schicksal, die Verwerfung voll zu machen, es gehört aber noch
mehr dazu als nur unsere Sprachfähigkeit, sei sie innerlich oder außen, wenn
wir unsere ganze Existenz bedenken. Sie ist unmittelbar zu fühlen und
unentrinnbar, und schon die Antike, Philebos,
die nikomachische Ethik, verankerte sie in den Kindertagen der überlieferten
menschlichen Vergesellschaftung in einer Lage, die von Natur her zwischen der
Lust und Unlust oder zwischen den Tugenden schwanken muss. So ist die Volatilität
keine Eigenschaft, die nur unseren an den Börsen gehandelten Papieren, den Equities oder Actions, zukäme. Einem
jüngst erschienenen Artikel der NYT
zufolge handelt es sich, nicht identisch, aber wieder ganz hier, in der
Jetztzeit verwurzelt, um einen Spin,
nicht um die unbedingte Truth[2],
und dies bedeutet, der Wert von Wahrheit, von Kommunikation und der Wert jener
angestrebten, halb verdeckten Liaison
verändert sich substantiell.
Die Gruppen, in denen die Politologie, die Soziologie und, nicht zuletzt,
der Gesetzes- und Vertragskommentar die Formen einer Gesellschaft misst, sind
demnach keineswegs nur die offen deklarierten, manifesten, sondern auch jene
mehr oder weniger stillschweigenden, in denen die Grenzen durch jene besagte
Kommunikation einander übergreifen und, mit dem Sinn der Hierarchisierung, sich
überschneiden. Das Mehr oder Weniger, dem im Metier der Philosophen einige
schon von den ersten Zeiten an ein eigenes Theorem zuerkennen wollten, ist,
weil es das eingangs angesprochene Veränderliche ausdrückt, hiervon abhängig.
Da aber, wie wir sahen, das Veränderliche eine wesentliche Zweideutigkeit
einbegreift, die sich nun um so mehr potenziert, wird auch dieser Begriff nicht
dazu verhelfen, eine wahre Haushaltung zu beschreiben. Sei es im Theoretischen,
sei es, bedeutsamer, in der Wirklichkeit, die von unserem Recht, unserer
Wirtschaft und unserem Wohlergehen beschrieben wird. Ein Mehr an Unbedingtheit
(a priori), oder ein Weniger an Empirie, Erfahrung (oder a posteriori) wird
dennoch keine Grundlage bieten vorherzusagen, wann eine Gruppe sich wirklich zu
ihrer Homogenität bekennt. Dies heißt, wann sie aufhört, sich selbst zu
verleugnen, und zugleich nicht, um alle anderen zwecks Domination überschneiden
zu können.
Viele, wahrscheinlich die meisten Menschen sind, gleichgültig, wie sich
ihre effektive wirtschaftliche Lage darstellt, stolz darauf, dass sie diese
Kommunikation können und, vermeintlich, beherrschen. Dabei müsste an und für
sich nicht das Vermögen, sondern das Wollen, die Volonté, entscheiden, wenn es gilt, schon durch den Verkehr, in dem
wir miteinander umgehen, die Ideale auszusprechen, denen wir unser Menschsein –
und damit auch: unsere Gesellschaft – anvertrauen wollen. Obgleich nicht alle
Menschen, wie gesagt, hierfür empfänglich sind, so muss der Wille aber auch
deshalb jedem Vermögen der
Kommunikation vorangestellt werden, weil er die Rechtsgründe
bezeichnet, von denen wir verlangen und überzeugt sind, dass sie das
Zusammenleben organisieren sollen, und zu denen wir schon zuvor aufgefordert
sind, weil die Verfassung des Staates, in dem wir leben, sie uns abverlangt
oder uns zu ihrer Gewährleistung verpflichtet: die Grundrechte, um mit ihnen zu
beginnen, etwa der so unerlässlichen, für die Anziehung und Ausstrahlung, und
Konjunktur eines Staates so essentiellen Gedankenfreiheit, der bei der
angesprochenen Kommunikation eine schwere und dauerhafte, perpetuierte
Verletzung widerfährt, bestehen nicht nur im Verhältnis Staat – Bürger, sondern
auch jeder Bürger ist verpflichtet, sie einem anderen zu gewähren.
„The right to freedom of
thought, conscience and religion (which includes the freedom to hold beliefs)
in article 18.1 is far-reaching and profound; it encompasses freedom of thought
on all matters, personal conviction and the commitment to religion or belief,
whether manifested individually or in community
with others. The committee draws the attention of State parties to the fact
that the freedom of thought and the freedom of conscience are protected equally
with the freedom of religion and belief. The fundamental character of these
freedoms is also reflected in the fact that this provision cannot be derogated
from, even in time of public emergency, as stated in article 4.2. of the Covenant”[3].
Dies ist der
erste Paragraph des Allgemeinen Kommentars Nr. 22 des Komitees für Menschenrechte
bei den Vereinten Nationen. Der Kommentar behandelt Artikel 18 des International Covenant on Civil and
Political Rights (Internationales Abkommen über zivile und politische
Rechte), der die Gedanken- und Religionsfreiheit statuiert. Die
Vertragsparteien sind Staaten, die, um Mitglied zu sein, ratifizieren müssen.
Deshalb richten sich alle Kommentare, durchgehend bei allen Abkommen und
Verträgen, die als International Covenants und Conventions im Laufe der letzten
50 Jahre entstanden sind, auf das Verhältnis Vertrag – Staat, nicht aber auch
Vertrag – Bürger oder Vertrag – Staat – Bürger: alle Garantie, die rechtlich zu
gewährleisten ist, erscheint darum ohne diesen an sich ebenso notwendigen Umschlag.
Denn es besteht ja kein Zweifel, dass die Verletzung der Gedankenfreiheit oder
der Religionsfreiheit, und sei diese der persönlicher Ausdruck einer
Spiritualität, nicht erst an der Schwelle der staatlichen Tätigkeit beginnen,
sondern schon in dem konkreten Verkehr der Menschen verankert ist. Die Materie
fällt darum auch nicht sofort in das Gebiet der Diskriminierung, bei denen die
Komitees ebenso durchgehend in allen Kommentaren sofort und stetig auf spezifische
Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, Gruppenzugehörigkeit oder die Sprache Bezug
nehmen, auch wenn die Religionszugehörigkeit hier erneut auftaucht. So liegt
zwar eine Koinzidenz vor, aber die Gedankenfreiheit meint eine grundlegendere
persönliche Unversehrtheit, die noch gar nicht auf ein konkretes, äußerliches
Merkmal zu verpflichten ist. Wie wir wissen und uns erinnern, sie war schon
einmal, um 1800, ein Losungs-, ein Passwort der politischen Emanzipation.
Die soeben erwähnte Volonté,
die ursprünglich nicht nur, und zwar gerade nicht den Staatswillen, sondern den
politischen und rechtlichen Willen des Individuums ausdrückt, ist darum, als
Wille, nicht schon Wohlwollen, Bienveillance
oder Benevolency (good will). Der Rechtsgrund
der Verfassung, mit dem er koaliert, manifestiert sich und verpflichtet ihn
unmittelbar. Oder um es anders, mit den Worten der Philosophie zu sagen: das
Ich ist durch den Rechtsgrund seines Willens völlig objektiv, mit der
unbedingten Wirklichkeit, und nicht mit seiner subjektiven Veranlagung
vereinigt. Was jemand kann und was jemand will, sind darum rechtlich zwei an
und für sich ganz heterogene Belange – die erwähnte, umrissene Konvention aber,
weil sie sich nur auf ein Können oder Vermögen beruft, dem sie den Willen unterwirft,
entbehrt aus diesem Grunde jeder Rechtsgrundlage. Mehr, sie muss wie ein
neuartiges Geschwister des Ablasses erscheinen, an dem einst wohlgesinnte
Kirchgänger begonnen haben, ihr Gewissen zu entzünden. Und, ja, so ist auch
wahr, dass wir die Lumière noch einen
Rang höher als die Vernunft hinauftragen dürfen, und müssen, der spätere
Generationen und die größten Geister, nachdem die Fehde über Ablass und
Reformation abgeklungen war, den Kelch entgegengebracht haben, nunmehr das
Ausmaß der menschlichen Mündigkeit zum Ausdruck zu bringen.
Vielleicht hatten die ehemaligen Regierungschefs, die, wach gerufen und
ahnend, Anfang der 90-er Jahre eine Charta
der Menschenpflichten vereinbart haben – so nennt einer ihrer namhaften Initiatoren
und Autoren, Helmut Schmidt, die Charta
of Human Responsibilities –, diese zu erneuernde Rechtsbindung des Subjekts
im Auge, zu einem Zeitpunkt, als sich die politische Welt wesentlich veränderte
und angeblich wesentlich öffnete. Inzwischen ist sie einem wieder
insistierenden Zweifel unterzogen, der - zum Wenigsten - jenen Kern beweist,
den man im Politischen den Zwist unter den Nationen nennt. Die besagte
Kommunikation jedenfalls enthält eine Schwelle, gegenüber der ein Wegfall der Berliner Mauer eine direkte Verleugnung
bedeutet: auch wenn es wahr ist, dieses andere, seitdem errichtete innere, immanente,
im Innenleben der Gesellschaft und des/der Staates/n wirksame Gebäude scheint,
weil es so beweglich, so offenbar anpassungsfähig ist, ungemein dynamisch, und
ist es, mit derselben, eher aber mit einer noch höheren Potenz, zugleich nicht.
Weil es aber gewissermaßen halb-innerlich ist, scheint es, auch wenn sich seine
Vertreter anders zu artikulieren suchen, nicht leicht, sondern ganz im
Gegenteil, überaus schwer zu überschauen. Die Früchte und glänzenden Taten
jedenfalls stehen, was eingestandenermaßen unsere Not der Beklagung dieser
Konvention um ein Vielfaches beschweren würde, nicht auf ihrer Seite.
„Als selbstbewußtes Wesen bewegt [sich der Mensch] erst in zweiter Linie
in einem mit Gegenständen angefüllten physischen Raum; primär ist das soziale
Mit- und Gegeneinander von Individuen, die sich als meinesgleichen ansprechen lassen. Daraus ergibt sich, dass Selbstbewusstsein der Zustand und die Zuständigkeit
eines Individuums angesichts seiner tätigen Verbindung mit seinesgleichen ist.
Dieser Zustand mit der impliziten Zuständigkeit ergibt sich jedoch nur, wenn
das zentrierende Selbst nicht einfach ins diffuse (räumliche) Außerhalb des
Leibes verlagert wird, sondern außer sich verschiedene
andere Positionen einnehmen kann, die prinzipiell durch seinesgleichen vorgegeben sind“[4].
Dies sind Sätze,
mit denen Gerhardt, der bereits als ein Statthalter der antiken Tradition
zitiert wurde, die Lage des Selbstbewusstseins beim modernen, zeitgenössischen
Menschen zu charakterisieren sucht. Wir wollen ihn veranlagen, um wenigstens
auch behaupten und folgern zu können, wenn das Selbstbewusstsein tatsächlich in
dieser Form mit seinesgleichen verknüpft ist und dadurch disponiert wird, dann
sollte man dieser Beziehung auch die Kraft der Polarität unterstellen. Also ist
die Frage des Zentrums nicht nur eine Frage des „Leibes“[5],
sondern, von Anbeginn und bis zuletzt, Manifest der gesellschaftlichen Bewegung
und ihrer… - Konvention. Polarität bedeutet aber auch, wir sind imstande, die
resultierenden Seiten – oder Lagen – zu fühlen und zu bewerten, so dass jeder
Zustand seine vermeintliche Neutralität oder vermeintlich unüberwindliche
Dichte (Diffusion) verliert und zu entweder (sozialer) Entleerung oder aber
umgekehrt, Gesellschaft als wirklicher Vereinnahmung, wirklicher Affirmation
und wirklicher Solidarität führt. Es ist wahr, die Gesellschaft gelangt
angesichts der erwähnten Geschichte aus dieser
Spannung offenbar nicht heraus. Es wäre aber verkehrt, bei dem Umtrieb der
neuen Konvention, die die Welt seitdem aufzurütteln und neu zu binden sucht, zu
glauben, es stünden auf beiden Seiten schlechthin die Vertreter der Armen, Exproprierten, dort ebenso absolut die
Reichen, les bien aisés. Die reale
und nicht etwa nur theoretische Schwierigkeit besteht, wie erwähnt, darin, dass
das Volk selber glaubt, es sei dieser Konvention als Kommunikation überaus
mächtig, so dass es seine eigene Expropriation betreibt. Auch wenn es wiederum
wahr ist, sie scheint jenen, den Reichen, im gleichen Maße wieder zu dienen.
Angesichts der inzwischen eingetretenen Ereignisse, die ihnen aufgrund ihres Börsenverhaltens
und ihres geschäftlichen Risikogebarens einen beträchtlichen Teil wieder genommen
haben und auf die noch zu sprechen zu kommen sein wird, ist hier der
(theoretisch nicht unbekannte) Vorbehalt anzubringen oder mittlerweile
manifest. Falls die ehemaligen Regierungschefs dies insgesamt gefühlt haben, so
haben sie es jedenfalls nicht offen gesagt, wie sie es, bis heute, hätten tun
sollen und müssen. Und die Vereinten Nationen, die die Charta bislang nicht
verabschiedet haben - zumindest berufen sich die Komitees in ihren Kommentaren
und Empfehlungen nicht auch auf sie -, haben selber eminent mit dem Problem zu
tun, eine Rechtsgültigkeit, die in ratifizierten Konventionen und Abkommen
niedergelegt ist, in der Diskrepanz der Rechtswirklichkeit wieder zu erkennen
und erneut bekräftigen zu müssen. Dabei besteht kein Zweifel, dass eine
Ratifikation durch Parlamente oder aber durch die Münder von ehemaligen
Regierungschefs oder solchen, die noch Amtsträger sind, etwas ganz und gar
Verschiedenes ist.
Die Souveränität, die, weil sie als Variante die Freiheit ersetzt, oben
in der Triade der Revolutionsembleme nicht erwähnt wurde, hat darum genau
diesen Doppelsinn. Es wurde der Bürger zu einer einfachen, ungeteilten Rechtsperson,
imstande, fortan aus sich den Staat und alle seine Gewährleistungen zu
verbürgen. Weil er sich hierdurch jener Bevormundung entledigt, die zuvor die
anderen, vor allem der erste Adelsstand über ihn ausgeübt hatte. Zusammen aber
haben beide, ein ganz rückhaltloses, unreflektiertes, ja, man möchte einsetzen,
ein gelegentlich sogar direkt kriminelles Verständnis der Freiheit und eine
ebensolche dreist verstandene Souveränität zu dem Verfall geführt, wie er die
Weltsituation charakterisiert: einer manifesten Diskrepanz zwischen den
verbrieften Verfassungsrechten und einer Wirklichkeit, in der sich nicht nur
ein Missfallen oder die alte Gleichgültigkeit, sondern eben auch und vor allem
ein Impuls behauptet, der sich wie eine konträre
Konvention artikuliert: eine Form von Absolutismus oder In-Bedingung-Nehmen,
die ‚Demokratisierung’ als Vergesellschaftung eines kollektiven Subjekts, für
das, bislang, niemand als echter, manifester, justiziabler oder parlamentarisch
verbriefter Zeuge aufgerufen werden kann. Es scheint, ein stiller Bann hütet
die Macht dieses Rings, dem man anderwärts in den Mythen eine solche Bedeutung
– mitsamt einer fatalen, prekären und eigentümlichen Macht – nachsagt. Ist aber
schon die Bedingung nicht rechtskräftig, nicht Schriftstück oder irgendeine
Form von Garantie, gerinnt der Geist der potenzierten Verleumdung, dies heißt
im Politischen… - der Denunziation. Wer dazu gehören will, sich vereinnahmen
lässt, ist gefeit, wer aber nicht oder Abstand nehmen will, wer die bestimmte
halb offene Kommunikation nicht tolerieren will, gewinnt die Früchte der kritischen
Soziabilisierbarkeit: dies heißt
zusammen genommen, man muss einer Gruppe angehören, sich bekennen, dass man den
ganz spezifischen, nicht etwa allgemeinen Kauf- und Käufersinn begreift, und
fortan mit Gesten und selbigen halboffenen Worten signieren, auf dass, über
allem, der Summton, Buzz, dieser
Vereinnahmung in der cerebralen Energie verankert wird. Und so ist man, darüber
hinaus, gezwungen, ein Niveau des gesellschaftlichen Verkehrs zu repräsentieren
und, in Beidem, Aufgaben und den oder die Berufe auszuüben. Weigert man sich
aber, diesen Relais zu bekräftigen,
gewinnt man den Ausschluss, die schwierige Diskriminierung. Schon wieder ein
Fremdwort – es heißt im Französischen, der Vermittler, die Übertragung, der
olympische Staffellauf, der, ja, sofort, schon im Vorhinein, mit der unbedingten
Gleichgültigkeit rechnet.
[1] Das
entsprechende Bild gehört, als Beispiel, zum Bestand des Deutschen Historischen
Museums, ist betitelt „Maria bittet für einen Sterbenden“ und stammt von dem
Monogrammist OH, Straubing im Jahre 1575.
[2] New York Times vom 27.12.2003, die
Leserumfrage unter dem Titel „Judging 2003’s Ideas: the Most Overrated and
Underrated“, der Beitrag der Autorin Francine Prose zum Thema Honesty als Glaubwürdigkeit der heutigen
Politiker.
[3] Das Recht auf Freiheit des Gedankens, des Gewissens
und der Religion (welches die Freiheit einschließt, einem Glauben anzugehören)
ist ein weitreichendes und tiefgehendes Recht; es umfasst die Freiheit des Gedankens
über alle Angelegenheiten, die persönliche Überzeugung und die Bindung an
Religion oder Glaube, die individuell oder in Gemeinschaft mit anderen zum
Ausdruck gebracht werden. Das Komitee richtet die Aufmerksamkeit der
staatlichen Parteien auf die Tatsache, dass die Freiheit des Gedankens und die
Freiheit des Gewissens gleichermaßen mit der Freiheit der Religion und des
Glaubens geschützt sind. Der fundamentale Charakter dieser Freiheiten spiegelt
sich in der Tatsache, dass diese Vorschrift selbst in Zeiten des öffentlichen
Notstands, wie in Artikel 4.2 des Abkommens festgestellt, keine Teilaufhebung
gestattet. (Enthalten in: Vereinte Nationen. Allgemeine Menschenrechtsurkunden.
HRI/GEN/1/Rev.5, Seite 144).
[4]
Gerhardt 1999, S.205.
[5]
Gerhardt bezieht sich auf Helmut Plessner: „Bei Plessner erfahren wir zunächst
nur, dass die »exzentrische Positionalität« mit dem Selbstbewusstsein des Menschen verbunden ist. In späteren
Überlegungen zum Rollenbegriff deutet er auch an, in welchem Raum sich die das
leibliche Zentrum verlassende Position des Menschen verschiebt: Es ist der soziale Raum, in dem sich der Mensch mit
seinesgleichen bewegt, ein Raum, der den natürlichen Raum mit seiner physischen
Distanz der Körper allemal voraussetzt“ (1999, S.204-205).
[6] Olivier Pastré, Le Figaro, 13. 1. 2003.
hinzugefügt: July 7th 2004 Autor: Wilkens, Sander Zugriffe: 2875 Sprache: deu Typ: Artikel Seite: 1/2 Keine weiteren Artikel dieses Autors
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