Münchner Zeitschrift für Philosophie
WIDERSPRUCH










 

Vogt, Christian: Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen

Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen
Berlin, 10.-12. März 2002

Verglichen mit der Euphorie, die aus den ersten Erfolgen der Raumfahrt in den 70-er Jahren erwuchs – Besiedlung des Mondes, Urlaub auf dem Mars – ist die Resonanz in der Gesellschaft auf die rapiden Fortschritte der Genomforschung ambivalent. Genetik lässt sich nicht ohne ein solides Fundament an biologischem Grundwissen verstehen, und wie so oft ist auch in diesem Bereich ein qualifiziertes Halbwissen eher hinderlich, die wirklichen Probleme in diesem Forschungsbereich zu sehen und zu verstehen. Die Medien sehen sich gezwungen, jede Information leichtfasslich in aller Kürze anzubieten, was die Qualität der Nachrichten gerade in komplexen Thematiken auf ein inakzeptables Niveau senkt. Schlagzeilen wie „menschliches Genom entschlüsselt“ oder realistischer „entziffert“ erscheinen da im Vergleich noch fast annehmbar.

Das menschliche Genom ist sequenziert – das stimmt. Es liegt eine Folge von Buchstaben mit einem Umfang vor, der in etwa 800 mal der Bibel entspricht. Die spannende Frage ist nur, was diese Buchstabenfolge bedeutet. An diesem Punkt beginnt die Arbeit erst wirklich. Eine kryptologische Jahrhundertaufgabe, die nur mit Hochleistungsrechentechnik zu bewältigen ist: die Suche und die Identifizierung der Gene. Aber wenn wir in der Buchmetapher bleiben, dann sind die Gene die Wörter und in der schieren Unsumme der Buchstaben muss erst einmal erkannt werden was ein Wort ist, wo es beginnt und wo es aufhört, ob es Überlappungen zwischen den Worten gibt (man weiß, es gibt sie) und ob es in den längeren Worten nicht auch kürzere Worte, also Worte in den Worten, gibt. Nicht zuletzt ist dann die Frage, wie die einzelnen Worte zusammenhängen und mit welchen anderen Worten des Buches sie einen bestimmten Sinn ergeben. Die Referenzmodelle der Genetiker, die Fruchtfliege Drosophila, Maus, Ratte und Zebrafisch, von denen in Analogie erfolgreich auf das menschliche Genom geschlossen wird, sind dabei eine wichtige Stütze.

Parallel zur Entschlüsselung des Genoms wächst der Forschungsbereich der Proteomics, denn Proteine als Produkte der Gene spielen, wenn sie nur leicht verändert sind, eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Krankheiten und Fehlbildungen.

Einzelne „Genworte“ werden als erkannt gemeldet, aber vom Ziel- einem wirklichen Verständnis des menschlichen Genoms - sind die Wissenschaftler soweit entfernt wie die Raumfahrtenthusiasten der 70-er von der Besiedlung des Mars. Von einem „zweiten Akt der Schöpfung“ und der „Züchtung des Menschen“ kann wohl in absehbarer Zeit nicht die Rede sein. Was jedoch sicher bald auf uns zukommen wird, ist auch bei einer sehr nüchternen Sicht ein brisantes Diskussionsfeld für Naturwissenschaftler, Politiker, Juristen und Ethiker und Patienten.

Das zeigte die Tagung „Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen“ im März diesen Jahres in Berlin. Fachleute verschiedener Disziplinen, vom Genomforscher bis zu hin zum Verfasser von Gesetzestexten, untersuchten in ihren Vorträgen die Problematik aus verschiedenen Perspektiven. Nachdem aus der Unmenge genetischer Information zumindest für monogenetische Krankheiten prädisponierende Gene identifiziert worden sind, kann oder könnte für bestimmte erbliche Krankheiten mit einer Genveränderung bereits heute eine Prognose gegeben werden.

Im Konjunktiv verbirgt sich das Diskussionspotential, denn mindestens zwei Fragen verbinden sich damit sofort für den Patienten:
1) Viele Erkrankungen treten erst im fortgeschrittenen Alter ein. Will ich wissen, dass ich z.B. voraussichtlich mit 53 Jahren an einen bestimmten Nervenleiden erkranken werde? Muss ich das wissen oder habe ich nicht auch ein Recht auf Nichtwissen?
2) Auf der Konferenz wurde mehrfach und aus verschiedenen Forschungsbereichen darauf hingewiesen, dass die Kluft zwischen den diagnostischen Möglichkeiten und den therapeutischen Fähigkeiten immer weiter wächst. Was nützt mir also dieses Wissen, wenn es keine wirksame Therapie für die diagnostizierte Krankheit gibt?

Während man bei diesen Fragen auf den Wunsch des (zukünftigen) Patienten verweisen kann und, um nicht ein gesellschaftliches Problem einfach in den Bereich des Persönlichen abzuschieben, mit qualifizierter Beratung zumindest begleiten kann, ist eine vorgeburtliche Diagnostik, die unter Umständen zu einem Schwangerschaftsabbruch führt, ein Thema für einen moralischen Lagerkampf.

Interesse am Wissen um seine genetischen Prädispositionen haben jedoch nicht nur der Patient und sein Arzt, auch die Wissenschaft, die wirtschaftsnahe Forschung z.B. aus der Pharmaindustrie und unter Umständen auch die Familien. Die privaten Krankenversicherungen, die nicht wie die gesetzlichen auf dem Solidarprinzip basieren, sondern mit individuellen Risikoabsicherungen rechnen, haben ein bis 2006 gültiges Moratorium verabschiedet, dass bei einer Neuaufnahme in die Versicherung noch keine Gentests durchgeführt werden. Der Gentest für den künftigen Arbeitgeber ist zwar denkbar, aber zum Glück noch nicht auf der Tagesordnung der Diskussion. Die Interessen am Zugang zu den individuellen genetischen Daten sind also vielfältig, aber nicht alle verfolgen die gleichen Zielstellungen. Welche Interessen sollen prioritär berücksichtigt werden?

Als interessant erwies sich in diesem Zusammenhang auch die geradezu exotisch anmutende Frage, ob nicht heute als „Gendefekte“ gekennzeichnete Veränderungen im menschlichen Genom irgendwann einmal das Fortbestehen der Menschheit gewährleisten könnten. Damit war die Frage aufgeworfen, was in unserer Kultur als „normales“, d.h. gesundes Genom verstanden wird und ob das als „krank“ qualifizierte unter den kaum vorhersagbaren zukünftigen Lebensbedingungen auf der Erde (oder vielleicht dem Mars) nicht bessere Überlebenschancen haben wird. Gibt es auch ein Recht auf Krankheit? Und wie viel genetische Vielfalt braucht die Menschheit?

Mit diesen Möglichkeiten der genetischen Medizin, die zwar bisher auch, aber meist nur mit einem erheblichen technischen und finanziellen Aufwand möglich waren, ändert sich auch das Bild der Medizin und absehbar auch ihr Selbstverständnis „von einem hochqualifizierten, mittelalterlichen Handwerk zu einer Industrie“, wie es ein Tagungsteilnehmer provokant formulierte. War der Ausgangspunkt der klassischen Medizin bisher der Phänotyp eines Menschen, die klassische Sicht von außen auf den Menschen („machen Sie sich mal bitte frei“), ergeben sich mit der medizinischen Genetik und der damit verbundenen Sicht von innen auf den Genotyp neue Möglichkeiten Krankheiten, z.T. schon vor der wirklichen Manifestation, zumindest zu diagnostizieren. Wenn ich aber Krankheiten schon behandele, bevor sie ausgebrochen sind, ist das nicht nur eine Frage, ob und wie der (künftige) Patient damit umgeht, denn er wird zum Patienten, obwohl er derzeit keine Beschwerden hat und sich gesund fühlt, sondern auch für das gesamte Gesundheitssystem und dessen finanzielles Grundgerüst. Unser traditioneller Begriff von Krankheit wird in kleinere Einheiten differenziert werden. Es wird nicht mehr die Diagnose „Diabetes“ sein, sondern „mangelnder Zuckerabbau + genetische Anomalität xy + yz“. Allerdings werden diese Krankheiten auch wesentlich besser, zielgenauer behandelt werden können, wenn es denn jemand bezahlen können wird. Das genetische Wissen wird auch unser Selbstverständnis als Menschen ändern. Aus Menschen werden Patienten: Vielleicht müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, krank geboren zu werden. Vielleicht werden wir die Begriffe Gesundheit und Krankheit neu definieren müssen. Vielleicht werden wir bewusst von unserem Recht auf Nichtwissen Gebrauch machen. Dass wir unsere genetische Disposition nicht kennen, heißt nicht, dass andere sie auch nicht kennen. Ein Tropfen Blut genügt zum Testen. Vielleicht werden wir dann manipuliert, gesund zu bleiben. Vielleicht werden wir aber auch lernen, mit Krankheit und Tod offener und reflektierter im Alltag umzugehen. Vielleicht werden wir auch lernen, um uns selbst behutsamer umzugehen.

Die typischen multigenetischen Krankheiten, d.h. die Volkskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes sind – darüber herrscht Konsens – mit einer Vielzahl von genetischen Prädispositionen verknüpft. Eine Prädisposition ist jedoch kein Ticket für den Ausbruch einer Krankheit. Die Inuit in Kananda z.B. tragen alle die „schlechten“ Gene für Herz- Kreislauferkrankungen, erkranken jedoch nicht daran. Zu den genetischen Bedingungen müssen also offenbar weitere Faktoren hinzukommen, damit die Krankheit ausbricht: Umwelt und Verhalten stehen dabei an vorderster Stelle. Auf jeden Fall kann von einem „genetischen Determinismus“ keine Rede sein. Hier wirkt nach, dass die Pioniere der medizinischen Genetik Physiker waren: Delbrück, Schrödinger, Crick, die den in der Physik längst überwundenen Determinismus in die Genetik verschleppt haben. Dass Gene kein Schicksal sind, zeigen verschiedene Krankheiten wie Morbus Crohn, die ein spezifisches Krankheitsgen haben, in den USA jedoch erst seit ca. 1920 und in Europa erst seit Mitte des letzten Jahrhundert bekannt sind.

Genomforschung generiert Wissen, dass unsere Zukunft als Mensch wesentlich verändern wird. Diskutiert wurden auf der Tagung aber nicht die Medienschlagzeilen wie Klonen, „Ersatzteillager aus Stammzellen“ oder „Unsterblichkeit mit 120 Jahren“. Mit den Fortschritten der medizinischen Genetik ändert sich nicht nur das Selbstverständnis der Medizin sondern auch das des Menschen. Diese Aspekte bildeten aber eher den Hintergrund für kaum kontroverse, aber intensive Diskussionen auf dieser Tagung, die ein pragmatisches Vorgehen und eine intensive öffentliche Diskussion dieser komplexen Thematik befürwortete. Konsens herrschte über eine Priorität der Individualperspektive, wenn es um die eigenen genetischen Informationen geht. Es war ein unaufgeregter Kongress ohne Zukunftseuphorie, der sich durch seine breite internationale Beteiligung auszeichnete. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung als Veranstalter und das Deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften als Organisator haben damit einer notwendigen Diskussion eine Plattform gegeben, die weitergeführt und vertieft werden sollte, denn ohne Reflexion auf die Grundlagen, auf das Tun und Lassen, auf die Chancen und Risiken der „Lebenswissenschaften“ ist das Denken nicht auf der Höhe der Zeit.

Christian Vogt (Potsdam)


hinzugefügt: May 22nd 2002
Autor: Vogt, Christian
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Sprache: deu
Typ: Bericht
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