Daniel Krause: Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009.
Zehn Jahre ist es her, dass Peter Sloterdijks „philosophisches Nachtstück“: 'Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus.' Teile der Öffentlichkeit – zuvörderst Redakteure der Süddeutschen Zeitung – durch charakteristisch verquaste Einlassungen über Eugenik skandalisierte. Andere Reaktionen fielen gelassener aus: Ernst Tugendhat, primus inter pares der ersten Generation Analytischer Philosophen in Deutschland, stellte gelegentlich eines Beitrags in der ZEIT fest, gegen Sloterdijk argumentieren sei müßig, denn Argumente seien bei diesem Autor nicht anzutreffen.
Die Wogen haben sich geglättet. Längst zählt Sloterdijk zu den Arrivierten des philosophischen Betriebs – lässt man die Medienpräsenz als Maßstab gelten. So recht möchte sich keiner mehr übers einstige enfant terrible echauffieren. Auch scheint der ‚Delinquent’ hinzugelernt zu haben: Nun schreibt er dicke Bücher über „Blasen“. Das unverhohlen Politische tritt tendenziell zurück. Symptomatisch sein jüngstes Werk: 'Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik.' Hier geht es unter nietzschischen Auspizien – auf immerhin 700 Seiten – um menschliche Selbsterschaffung, im Kern nichts anderes als vor zehn Jahren. Das Thema ‚Genetik’ wird gleichwohl kaum gestreift – dies trotz der jüngsten Fortschritte im Feld der Lebenswissenschaft, die ‚Regeln für den Menschenpark’ zusehends einschlägig scheinen lassen. Sloterdijk hat gleichsam die Ebenen gewechselt: Nun geht es um geistige Selbsterschaffung. („Du mußt dein Leben ändern.“ ist passenderweise ein Rilke-Zitat, 'Archaïscher Torso Apollos' entnommen.) Das ist in doppelter Weise von Vorteil: Reibungsflächen mit den politisch Korrekten werden vermieden, andererseits wird mancher dieses Buch erwerben, der erbaulichen Schrifttums bedarf, Weisheit und spirituelle Kräftigung sucht. Dergleichen Erwartungen werden nicht gänzlich enttäuscht: Dies ist – dem Anspruch nach – eine Grundlegung praktischer Ethik, geistesgeschichtlich reich unterfüttert. Ansonsten – echter Sloterdijk: Barocke Sprachwucherungen, erhellende Bonmots und viele Nebelkerzen. Von einer „großen Untersuchung über die Natur des Menschen“, einer „grundlegenden und grundlegend neuen Anthropologie“, wie sie der Klappentext ankündigt, kann keine Rede sein. Dem steht nicht zuletzt Sloterdijks eklektischer, mehr sammelnder denn raffender Gestus entgegen.
Der Klappentext verheißt ein Weiteres: Sloterdijk widerlege die Rede von einer Wiederkehr der Religionen. Nicht Religion kehre wieder, vielmehr der Wille, sich umzuschaffen und zu steigern. Was missverständlich unter ‚Religion’ subsummiert werde, sei als Ausdruck des „homo artista“ zu deuten: Nicht Dogma, sondern Ritus sei als Kern des sogenannten Religiösen zu begreifen. Spirituelle Selbsttechniken – „Übungen“ – bauten „Vertikalspannung“ auf. Sloterdijks Zentralbegriff „Übung“ reklamiert Allzuständigkeit: für Sport, Wissenschaft, Kunst, Religion. In dieser Sicht kommt es auf ‚Glauben’, als propositionale Struktur der Religion, nicht an. Die Frontstellung zwischen Aufklärung und Religion scheint überwunden. Der beherrschende ideologische Konflikt unserer Tage wird mit Nonchalance eskamotiert. Die Universitäten wiederm müssen, antiken Akademien gleich, Übungsstätten für den ‚ganzen Menschen’ werden, Gastronomik und Athletik inklusive: „Ausweitung der Übungszone“ – eine griffige Formel und geistvoll-banale Anspielung auf Michel Houellebecqs zeitkritischen Thesenroman 'Extension du Domaine de la Lutte' (1994). Anders gewendet: Wo viele Wörter waren, sei eines: „Übung“. Ein Zugewinn an Unterscheidungskraft ist damit nicht gegeben.
Von Selbsterschaffung war schon bei Nietzsche und Rorty die Rede. 'Contingency, Irony, and Solidarity' (1989) stellte ausführlich moralische und politische Weiterungen dieser Weltsicht dar – in klaren, unmissverständlichen Worten. Dagegen zeigt 'Du mußt dein Leben ändern.' Peter Sloterdijks unverwechselbar synkretistischen Duktus: Hier wird alles verkocht – Vokabulare, Stilregister, Jargons und allerlei Lesefrüchte, am heikelsten: beschreibende und normative Sätze. (Hume’s Gesetz muss Sloterdijk als Ausfluss erbsenzählerischer Borniertheit erscheinen.) „Wenn die Sprache feiert...“ Zwischen Tiefe des Gedankens und Dunkelheit des Ausdrucks ist nicht leicht unterscheiden.
Als komödiantischer Höhepunkt können Sloterdijks Ausführungen über die „Religionsparodie“ Scientology gelten. Dabei werden Descartes und Lafayette Ron Hubbard gleichermaßen als „Scharlatane“ eingestuft – dies ohne Wertung, wie Sloterdijk betont –, denn beide versuchten, sämtliche Weltprobleme von einem Nullpunkt der Erkenntnis her zu beseitigen (vgl. S.155). ‚Clearing’ entspricht in der Funktion Descartes’ hyperbolischem Zweifel.
Durchaus nicht bloß komödiantisch, vielmehr die verwegenste Volte des Autors: Sloterdijks ingenuöse Einlassungen über E. M. Cioran. Dessen Totalverweigerung allen Wollens könnte Sloterdijks universelles „Übungs“-Programm, sein anthropotechnisches Kunstwollen, in Frage stellen. So wird sie eingemeindet: Cioran ist ein „Übender“ radikaler Verneinung – und Sloterdijks Weltsicht, um eine der ihm teuersten Metaphern zu gebrauchen, macht sich „immun“: Sie kennt kein Außen mehr. (Wenn freilich alles „Übung“ ist – was unterscheidet, was bedeutet dieses Wort?)
„Alle Geschichte ist die Geschichte von Immunsystemkämpfen. [...] Die globale [Hervorhebung Daniel Krause] immunitäre Vernunft liegt um eine ganze Stufe höher als all das, was ihre Antizipationen im philosophischen Idealismus und im religiösen Monotheismus zu erreichen vermochten. Aus diesem Grund ist die allgemeine Immunologie die legitime Nachfolgerin der Metaphysik [...]. Wenngleich der Kommunismus von vornherein ein Konglomerat aus wenigen richtigen und vielen falschen Ideen war, sein vernünftiger Anteil: die Einsicht, daß gemeinsame Lebensinteressen [...] sich nur in einem Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muß sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus. Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen, sie werden die Anthropotechniken codieren, die der Existenz im Kontext aller Kontexte gemäß sind. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluß bedeuten: in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen.“ (S. 712f)
So endet Peter Sloterdijks jüngster Gedankenroman, in durchaus charakterstischer Weise: Guter ‚Sound’, reich orchestriert, und Pathos nicht zu knapp. Doch sei, mit Tugendhat, eine schüchterne Anfrage gestattet: Was wird gesagt? Wird in der Sache mehr mitgeteilt, als dass globale Kooperationen erstrebenswert scheinen? Und braucht es hierfür „Ordensregeln“? Schließlich: Hilft Sloterdijks „akrobatische Ethik“ für den „Planeten der Übenden“, die Schwierigkeiten des moralischen Tagesgeschäfts bewältigen? Womöglich stellt sie sich weniger „praktisch“ dar als erwartet...
Um es deutlich zu sagen: 'Du mußt dein Leben ändern.' macht starken – und zwiespältigen – Eindruck, dies auch beim kritischen Leser. Zahlreiche Längs- und Querverbindungen durch die Jahrtausende europäischer – und asiatischer – Geistesgeschichte zeugen von stupendem Bildungswissen und rezeptivem Genie. ‚Anregend’ ist dieses Werk allemal. Es lässt nicht kalt und gibt zu denken. Was die sprachliche Seite betrifft, so muss man Sloterdijks Stil gewiss nicht mögen. Dass dieser Autor aber über Stil verfügt – einen eigenen zumal –, dass ihm sprachlich und als öffentlicher Kunstfigur in staunenswertem Maße Selbsterschaffung durch „Übung“ gelingt – niemand wird es bestreiten. Sloterdijk gibt sich als eindrucksvolles Exempel eigener Thesen: ein Wundertier im ‚Philosophenpark’. hinzugefügt: August 30th 2009 Autor: Daniel Krause Punkte:      7 Zugriffe: 176 Sprache: deu Typ: Rezension Keine weiteren Artikel dieses Autors
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