Thomas Brückmann: Rippl, Daniela, Mayer, Verena (Hg): Gender Feelings
Rippl, Daniela, Mayer, Verena (Hg): Gender Feelings, Paderborn 2008 (Fink-Verlag), Kart., 220 S., 24,90 EUR
Im hegemonialen Geschlechterdiskurs ist Männlichkeit mit Vernunft und Weiblichkeit mit Gefühl konnotiert. Dieses Stereotyp taucht als Allgemeinplatz im Alltagswissen sowie in populärwissenschaftlichen Diskursen auf und ist ein wichtiges Thema in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. In den letzten Jahrzehnten hat die Annahme einer solchen geschlechtlichen Trennung in Bezug auf Emotionen auch eine Biologisierung erfahren, da insbesondere neurowissenschaftliche Studien affirmativ nach derlei Unterschieden suchen. Aufgrund der Wichtigkeit und Wirkmächtigkeit dieses Wissens gibt es seit längerem zahlreiche feministische Arbeiten zu Geschlecht und Emotionen, die sehr verschiedene Ebenen fokussieren. Mit Gender Feelings haben Daniela Rippl und Verena Mayer einen Sammelband zu diesem Thema herausgegeben, der aus den Beiträgen der gleichnamigen Ringvorlesung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München entstanden ist. In den einleitenden Worten machen sie ihre Motivationen für die Herausgabe des Bandes deutlich: Die Debatte um Geschlecht und Emotionen soll zum einen auf den neuesten Stand der Gendertheorie gebracht werden. Zum anderen wird in Gender Feelings ein transdisziplinärer Ansatz verfolgt, der unterschiedliche akademische Fächer zusammenbringen will: „Die Ergebnisse der Neurowissenschaften mit Ergebnissen der Genderforschung, der Emotionspsychologie, der Philosophie, sowie der Alt- und Neuphilologie und der Kulturwissenschaften zu konterkarieren, eröffnet Möglichkeiten, neue Antworten auf die Frage nach der Beziehung von Gender und Gefühl zu finden.“
Gender Feelings beinhaltet dabei die unterschiedlichsten Zugänge: So entwickelt Daniela Rippl, angelehnt an den auf die Sprechakttheorie zurückgehenden Begriff des „Performing Gender“ von Judith Butler, den Begriff des „Performing Emotions“. Performanz versteht Butler als ein Zitieren der Norm, welches Subjektivität hervorbringt. In Kontrast dazu arbeiten die Hirnforscherinnen Ute Habel und Birgit Derntl auf der Ebene neurowissenschaftlicher Epistemologie, welche die naturwissenschaftliche Verifizierbarkeit „natürlicher“ Gegebenheiten annimmt. Vor diesem Hintergrund betrachten sie Geschlecht als einen der „wichtigsten genetischen Einflussfaktoren für menschliches Verhalten und Erleben.“ Auf dieser Basis hinterfragen sie die verschiedenen neurowissenschaftlichen Studien, die für Emotionen relevante anatomische Geschlechtsunterschiede erforschen, hinsichtlich Repräsentativität, Stichprobenwahl und Bewertung von Ergebnissen. Einerseits belegten die bisherigen Studien emotionale Geschlechtsunterschiede nur zum Teil, andererseits müsse aus ihrer Sicht die „Frage nach der Bedeutung solcher anatomischer Unterschiede noch offen bleiben.“
Ist der Band aufgrund der Transdisziplinarität nach den verschiedenen fachlichen Zugängen strukturiert, so ist bemerkenswert, dass die lebenswissenschaftlichen Arbeiten im vorderen Bereich angesiedelt sind.
Verdeutlichte die Anthropologin Catherine Lutz in ihren bisherigen Ethnographien, dass die Trennung zwischen Emotionalität und Rationalität eine Spezifik der westlichen Kultur ist, stellt sie in diesem Band fest, dass im wissenschaftlichen Mainstream Fragen bezüglich Emotionen und Geschlecht, die aus feministischer Perspektive relevant sind, nicht gestellt werden. Sie versucht, diese Lücke zu füllen, und bringt Emotionen mit Fragen der Macht in Zusammenhang. Vor dem Hintergrund der marxistischen Theorie entwickelt sie den Begriff der „emotional work“, der in der modernen kapitalistischen Gesellschaft Frauen zufällt. Mittels der Psychoanalyse fragt sie, wie Macht durch Emotionen wirksam ist, wie bspw. Frauen “participate in their own subordination.”
Aus psychologischer Perspektive liest Gertrud Nunner-Winkler die evolutionsbiologischen Arbeiten, die emotionale Unterschiede zwischen den Geschlechtern gern mit den Urmenschen erklären, gegen die kognitionstheoretischen Ansätze. Sie vertritt die Auffassung, dass es im Gefühlserleben wenig bis keine Differenz zwischen den Geschlechtern gebe. Was sich unterscheide, sei der kulturell bedingte Gefühlsausdruck.
Dass die Behauptung, Männer seien wenig emotional, selbst im hegemonialen Diskurs brüchig ist, verdeutlicht Stephanie Shields in ihrer spannenden Untersuchung zum Leistungssport. Dieser ist ein sozialer Bereich, in dem bestimmte „männliche“ Gefühle nicht nur geduldet, sondern gefordert werden: “The Thrill of Victory and the Agony of Defeat.” Anhand dieses Aufhängers beschreibt Shields sehr genau, wie in unserer Gesellschaft vergeschlechtlichte Emotionen in der Sozialisation ‚unterrichtet‘ werden.
Die Psychologin und Medizinerin Lydia Andrea Hartl verbindet die lebenswissenschaftlichen Diskurse um Intelligenz und Emotionen, da in beiden vergeschlechtlichte Argumente zu finden sind. Sie kommt zu dem Schluss: die „neurowissenschaftliche Wahrheit ist: Mann und Frau unterscheiden sich kaum.“ Vielmehr sei die geschlechtliche Zuteilung von Gefühl und Verstand „eine fragwürdige Errungenschaft der Aufklärung.“
Diesem Aufsatz folgen zwei literaturwissenschaftliche Arbeiten von Gerhard Neumann und Karen Bassi. Neumann widmet sich dem Diskurs um Liebe und behauptet, dass die neueren lebenswissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema schon lange in der Literatur angelegt seien, da es stets auch darum ging, die Liebe zu erklären. Zwar ist ein Gender-Fokus in seinem Text nicht zentral, doch macht er in einer beispielhaften Besprechung einer neurowissenschaftlichen Studie deutlich, wie diese von konservativen Geschlechtervorstellungen geleitet wird. Bassi widmet sich den Emotionen in der antiken griechischen Poetik und lässt damit in Ansätzen plastisch werden, wie gegenwärtige Vorstellungen von Geschlecht und Emotionen als geschichtlich gedacht werden können.
Abgeschlossen wird der Band mit zwei philosophischen Aufsätzen von Ronald de Sousa und Verena Mayer. De Sousa diskutiert Essentialisierungen in Bezug auf Geschlecht, Sexualität und Emotionen. Er orientiert sich dabei stark an der Biologin und Wissenschaftskritikerin Anne Fausto-Sterling. Bezüglich Emotionen argumentiert der Autor, dass sich diese nicht vereinheitlichen ließen, da sie individuell zu verschieden seien und hinterfragt damit universalistische Konzepte von Emotionen. Mayer begibt sich erneut in die Antike und beschreibt die Entwicklung des Diskurses um Emotionen bis in die Aufklärung. Sie zeigt, dass es in der Antike als durchaus positiv gewertet wurde, wenn Männer Gefühle gezeigt haben. Die heute so dominante Vorstellung der männlichen Gefühllosigkeit sei erst in der Aufklärung entstanden. Zudem ergebe die geschichtliche Betrachtung, dass ein sehr widersprüchlicher und lückenhafter Diskurs um Emotionen und Geschlecht vorliegt.
Das transdisziplinäre Konzept von Gender Feelings ist vor dem Hintergrund sehr zu begrüßen, dass die feministische Naturwissenschaftsforschung einerseits sehr viel notwendige Kritik an lebenswissenschaftlicher Epistemologie und Wissen über Geschlecht geleistet hat, die Naturwissenschaften andererseits dieser Kritik gegenüber jedoch sehr resistent sind und wenig Raum für die Entwicklung geschlechtssensibler lebenswissenschaftlicher Ansätze lassen. Leider sind die Beiträge, ohne dass Austausch und Diskussion ersichtlich sind, nebeneinander abgedruckt. In den Gender Studies führt der ‚Dialog‘ zwischen konstuktivistisch geschulten Kulturwissenschaftler_innen und Objektivität vertretenden Naturwissenschaftler_innen regelmäßig zu unauflösbaren Konflikten. Über die in der Einleitung erwähnten Möglichkeiten, die sich aus dem „Konterkarieren“ dieser unterschiedlichen Zugänge ergeben, wird die/der Leser_in im Unklaren gelassen. Stattdessen bleiben selbst die Missverständnisse, die diesen ‚Dialog‘ stets begleiten, unkommentiert. In der Einleitung berichtet Rippl anerkennend davon, dass selbst neurowissenschaftliche Emotionstheorien mittlerweile davon ausgehen, dass „Emotionalität wenigstens zum Teil sozial konstruiert ist“ und schreibt damit eine falsche Lesart des Sozialkonstruktivismus fort. Denn bei diesem handelt es sich um eine Erkenntnistheorie, in deren Kontext die Aussage, etwas sei zum Teil sozial konstruiert, keinen Sinn ergibt.
Einige Autor_innen hinterfragen die Trennung zwischen Körper und Kultur, bspw. wenn Rippl Butlers Performanz-Konzept auf Emotionen überträgt. Andere, insbesondere Hartl und Nunner-Winkler, gehen von einer klaren Unterscheidbarkeit zwischen somatischem Gefühlserleben und kulturellem Gefühlsausdruck aus. Dem Band fehlt hier eine Diskussion um diese unterschiedlichen Ansätze, die es insbesondere in der feministischen Naturwissenschaftskritik seit Längerem gibt. So wird mit Embodiment versucht, somatische Phänomene und Kultur zusammen zu denken, wie dies Fausto-Sterling in „Sexing the body“ bezüglich Geschlecht sehr anschaulich darstellt. Aber auch jüngste lebenswissenschaftliche Ansätze stellen diese Dichotomien in Frage. So denkt die gegenwärtige Molekulargenetik genetische Prozesse stets in Zusammenhang mit Umweltfaktoren und hinterfragt damit (ungewollt) die Grenze zwischen Körper und Kultur. An diesen Punkten anzusetzen, bietet die Möglichkeiten, die auf Diskurs zentrierten konstruktivistischen Ansätze zu erweitern und damit eine gendersensible lebenswissenschaftliche Epistemologie zu entwickeln. Dies hieße, den Ansatz eines dialektischen Verhältnisses zwischen Körper und Kultur für gendered feelings zu konkretisieren.
Lutz gibt in ihrem Beitrag sehr kurz den Zusammenhang zwischen Macht und vergeschlechtlichten Emotionen zu bedenken. Dieser Fokus, d.h., die Frage, in welcher Weise Emotionen Teil der Reproduktion von Geschlecht und Sexismus sind, ist eine Leerstelle im Band. Ist die Debatte stark auf ein (notwendiges) Anschreiben gegen die stereotype Vorstellung zu Geschlecht und Emotionen gerichtet, so eröffnet sich hier ein detaillierterer Zugang.
Trotz der Lücken ist Gender Feelings vor dem Hintergrund, unterschiedliche, sich zum Teil widersprechende und nicht vereinbare fachliche Zugänge vorzustellen, lesenswert. Der Band verdeutlicht das kulturelle und historische Kontextuiertsein dieses Diskurses und zeigt vielfältige feministische Ansätze auf.
Thomas Brückmann
hinzugefügt: October 10th 2009 Autor: Thomas Brückmann Punkte:     8 Zugriffe: 798 Sprache: deu Typ: Rezension Keine weiteren Artikel dieses Autors
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