Münchner Zeitschrift für Philosophie
WIDERSPRUCH










 

Mechlenburg, Gustav: Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus

Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2003, 735 Seiten, 49 Euro

Dass die schöne neue Wirtschaftswelt mit ihren Schlagworten wie Teamarbeit, Vernetzung, Flexibilität oder Selbstorganisation ihre Schattenseiten hat, darauf haben bereits unzählige Soziologen hingewiesen. Inwiefern die Kritik am Kapitalismus aber selbst einen nicht geringen Anteil an dieser Entwicklung hat, wurde bisher noch nie so ausführlich analysiert wie in der groß angelegten Studie „Der neue Geist des Kapitalismus“ des Soziologen Luc Boltanski und der Wirtschaftswissenschaftlerin Éve Chiapello.

Im Anschluss an Max Webers Erkenntnis, dass die vorherrschende Wirtschaftsform einer spezifischen religiös-kulturellen Geisteshaltung entsprungen ist, gehen die Autoren davon aus, dass der Kapitalismus auch heute einer bestimmten Ideologie bedarf. „Der Monatslohn stellt bestenfalls ein Motiv dar, um an einem Arbeitsplatz zu bleiben, nicht aber, um sich dort zu engagieren.“ Je losgelöster der Wirtschaftsprozess von der Befriedigung der Konsumbedürfnisse ist, desto mehr ist der Kapitalismus auf seine Kritiker angewiesen, die ihn in Hinblick auf Gerechtigkeitsprinzipien und persönliche Entfaltung korrigieren und rechtfertigen.

Da der Managementdiskurs für die Verfasser gegenwärtig die Form schlechthin bildet, in der der Geist des Kapitalismus beheimatet ist und weiter vermittelt wird, haben sie 50 französische Management-Ratgeber aus den 60er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts mithilfe eines Textanalyseprogramms miteinander verglichen.

Den Texten aus den 60er Jahren ging es vor allem um das Aufbrechen der Willkürherrschaft in Familienbetrieben. Als Lösung wird die Emanzipation der Führungskräfte beschworen. Durch zielgesteuerte Unternehmensführung und objektive Leistungsbewertung sowie durch eine Verschlankung der Bürokratie soll das Personal mobilisiert und motiviert werden.

Zwei Empörungsquellen arbeiten Boltanski und Chiapello heraus. Zum einen die Kritik an entfremdeter Arbeit (Künstlerkritik), zum anderen an Verarmung (Sozialkritik). Ein Wirtschaftssystem, das auf Dauer bestehen will, muss beide Erwartungen (Autonomie und Sicherheit) erfüllen.

Nach Ansicht der Autoren wurde der Begriff des Rationalen in den 90er Jahren durch die Metaphern Emotion und Kreativität abgelöst. Das New Management reagiert allein auf die Bedürfnisse nach Authentizität und Freiheit und vernachlässigt die Sozialkritik und damit Fragen nach Sicherheit und Ungleichheit. Dies liegt vor allem an dem unbestreitbaren Erfolg, den die Kritik der 60er Jahre verzeichnen kann. Der post-tayloristische Netzwerkkapitalismus hat die Trennung von Privatem und Politischem nahezu aufgehoben und damit die Forderungen der 68er-Avantgarde nach Autonomie am Arbeitsplatz fast vollständig umgesetzt. „Da die Notwendigkeit einer Gerechtigkeitsform, die dieser neuartigen Logik angemessen wäre, nicht hinreichend erkannt worden ist, hat sich die Kritik notgedrungen mit den seit geraumer Zeit bewährten Gerechtigkeitsprinzipien zufrieden gegeben und sich in eine überkommene und sterile Debatte zwischen Liberalismus und Etatismus (,dann willst du also die Sowjetunion?’) verrannt.“

Vor allem der Sozialkritik versuchen die Autoren in ihrem Mamutwerk also neue Kraft zu verleihen. Die Analyse vom neuen Geist des Kapitalismus, wie sie von Boltanski und Chiapello vorgenommen wurde, zeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung keineswegs allein von Globalisierungs- oder ökonomischen Sachzwängen bestimmt wird. Doch nur wenn die Kapitalismuskritik sich nicht an vergangenen Idealen und überholten Gesellschaftsstrukturen orientiert, sondern sich auf den neuen Geist besinnt, kann sie dem Autorenteam zufolge erfolgreich sein. Nach 735 Seiten Lektüre bleibt einem nichts anderes, als daran zu glauben.

Gustav Mechlenburg


hinzugefügt: March 12th 2005
Autor: Mechlenburg, Gustav
Punkte:
6
Zugriffe: 6864
Sprache: deu
Typ: Rezension
Weitere Artikel dieses Autors:


  

[ Zurück zur Übersicht der Online-Artikel | Kommentar schreiben ]




Kommentare zu diesen Artikel
Copyright © Widerspruch - Informationsservice, 1997-2010
URL:http://www.widerspruch.com
Disclaimer