Behrens, Roger: Michel Foucault, Die Wahrheit und die juristischen Formen
Michel Foucault, Die Wahrheit und die juristischen Formen. Mit einem Nachwort von Martin Saar, aus dem Französischen von Michael Bischoff, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2003, 190 S. brosch., 9,00 Euro
Foucaults kleine Vortragsreihe über ›Die Wahrheit und die juristischen Formen‹ von 1973, die wieder Michael Bischoff aus dem Französischen übersetzt hat, kann nachgerade als eine Art Einführung in das Denken und die Problemzusammenhänge der Foucaultschen Philosophie gelesen werden, einschließlich – das darf man gleich dazusagen – der bemerkenswerten Vagheiten und Verzerrungen, die Foucault sich gegenüber der Marxschen Theorie und somit kritischen Theorie erlaubt. Foucault beginnt seine Vorlesung mit einer bemerkenswerten Offenheit: »In diesen Vorträgen möchte ich Ihnen einige Dinge sagen, die möglicherweise ungenau oder falsch sind und die ich Ihnen als Arbeitshypothesen vorstellen will.« (S. 9) Es geht dabei, was den »methodologischen Charakter« der Vorlesung betrifft, um »Diskursanalyse«, inhaltlich und damit einhergehend um eine »Neufassung der Theorie des Subjekts« (S. 10 f.): »Es wäre interessant, wenn man einmal zu klären versuchte, wie sich im Laufe der Geschichte ein Subjekt konstituiert, das nicht ein für alle Mal gegeben ist, das nicht diesen Kern bildet, von dem aus die Wahrheit Einzug in die Geschichte hält, sondern ein Subjekt, das sich innerhalb der Geschichte konstituiert, das ständig und immer wieder neu von der Geschichte begründet wird. In Richtung solch einer radikalen Kritik des menschlichen Subjekts durch die Geschichte müssen wir uns bewegen.« (S. 12) Dieses Projekt soll schließlich seine Konturen in einer »Geschichte der Wahrheit« bekommen. Ausgangspunkt dieser programmatischen Überlegungen ist die Ödipusgeschichte, beziehungsweise die seinerseits gerade publizierte Gemeinschaftsarbeit ›Anti-Ödipus‹ von Deleuze und Guattari. Dann geht es von der Antike zum Rechtssystem des Mittelalters, von dort aus in einem weiteren Zeitsprung zum Ende des 18. Jahrhunderts, »in jene Zeit, als die ›Disziplinargesellschaft‹ sich herausbildete« (S. 78) »Damit betreten wir das Zeitalter der sozialen Orthopädie«, wie Foucault es nennt (S. 85), das »Zeitalter der sozialen Kontrolle«, die – wie auch in ›Überwachen und Strafen‹ ausführlich dargestellt, ihren »panoptistischen« Ausdruck in den Gefängnisarchitekturen Jeremy Benthams findet. »Ich bitte die Philosophiehistoriker um Verzeihung, aber ich glaube, dass Bentham für unsere Gesellschaft wichtiger war als Kant oder Hegel.« (S. 85) Es geht natürlich um Macht, genauer um die soziale Einschließung, nämlich Internierungstechniken und Kontrollverfahren. Inmitten dieser Macht konstituiert sich nun der Körper des modernen Subjekts.
Foucault ist bekanntlich kein Marxist, lehnt folglich auch den entscheidenden Begriff der Praxis ab, wonach der Mensch von den ökonomischen Verhältnissen bestimmt ist. Dass sich mit dem Kapitalismus eine ganz bestimmte Form der Arbeit entwickelt hat und Arbeit keineswegs eine Invariante ist, erkennt auch Foucault. Die Errichtung des Arbeitsregimes ist für ihn aber Ergebnis einer »Submacht«; mit ihr bezeichnet Foucault »all die kleinen Machtformen, die kleinen Institutionen, die auf einer niedrigeren Ebene [als der Staatsapparat und die Klassen] angesiedelt sind« (S. 123). Diese Submacht ist die Bedingung des »Surprofits«. Die Submacht gründet, womit Foucault seine Überlegungen abschließt, in »Formen von Macht-Wissen« (S. 123 f).
In der nachfolgend dokumentierten Diskussion werden einzelne Problemfragen insbesondere in Bezug auf die Subjekttheorie Foucaults erläutert (vor allem S. 133 ff.). Martin Saar – ein Frankfurter Foucaultforscher aus den Arbeitszusammenhängen um Axel Honneth – schließt den Band mit einem Nachwort ab, in dem er die Vortragsreihe bündig in den Kontext der Foucaultschen Theorie, vor allem hinsichtlich des Komplexes Macht, Wissen und (geschichtliche) Wahrheit – Saar nennt das den »roten Faden« der Vorträge: die »anspruchsvolle Theorie über den Zusammenhang zwischen Evidenz und Macht« (S. 186). Brisant wird die Vortragsreihe allerdings auch deshalb, weil Foucault hier 1973 in Rio de Janeiro spricht, also mitten im Brasilien der Militärdiktatur, die aber in den Vorträgen selbst kein Thema ist, obwohl sie in der Zeit von 1968 bis 1973 ihre härteste Phase hatte (durch den so genannten AI-5). Foucault verfolgt die Ereignisse – er reiste die folgenden Jahre immer wieder nach Brasilien – engagiert, kritisch, aber eher aus privater Perspektive. Er kooperiert bemerkenswerter Weise mit kirchlichen Vertretern, nicht mit den von der Verfolgung zumeist betroffenen Sozialisten (wobei die katholische Kirche für den Widerstand gegen das Militär wichtig ist; sie dokumentierte von Anfang an Folterungen und Ermordungen).
Roger Behrens
hinzugefügt: January 30th 2005 Autor: Behrens, Roger Punkte:      7 Zugriffe: 6699 Sprache: deu Typ: Rezension Weitere Artikel dieses Autors:
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