Behrens, Roger: Michel Foucault, Dits et Écrits – Schriften 1976 bis 1979. Dritter Band
Michel Foucault, Dits et Écrits – Schriften 1976 bis 1979. Dritter Band, hg. von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange. Aus dem Französischen von Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und Jürgen Schröder, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2003, 1028 S. brosch., 56,00 Euro
Nun ist der vorletzte der auf vier Bände angelegten ›Schriften‹ Michel Foucaults erschienen; das sind wieder über tausend Seiten Interviews, Gespräche, Einleitungen, Vorworte, Vorlesungen, kürzere Texte (es fällt auf: Foucault ist kein Essayist; von den Büchern abgesehen, kein Autor längerer Abhandlungen). Die zweite Hälfte der siebziger Jahre, 1976 bis 1979: Foucault ist in diesem Zeitraum freilich längst ein etablierter Philosoph und überhaupt fallen im Überblick der Themen der jetzt vorliegenden drei Bände einige für die Foucaultrezeption doch wesentliche Aspekte auf: Foucault, der sich nie einordnen ließ und lassen wollte als Sozialwissenschaftler, als Historiker, als Autor, als Redner etc. erscheint nun ganz eindeutig als Philosoph. Dabei ist Foucault gewiss kein Betriebsphilosoph, der etwa im deutsch-akademischen Stil Wissensverwaltung betreibt, aber er ist eben auch nicht der »Philosoph mit der Maske«, der in der ›Ordnung des Diskurses‹ verschwindet, der unsichtbare Autor, der gestorbene Autor; vielmehr hat Foucault wesentlich zum – wenn man so will – Berufsbild des gegenwärtigen Philosophen beigetragen, insbesondere was die Stellung des philosophischen Schriftstellers in der französischen Gesellschaft angeht. Das hat allerdings auch mit einer festen Stellung an der Universität zu tun, die Foucault bis zu seinem Tode hatte. Von dieser Position aus Partei zu ergreifen, politisch einzugreifen, kann nachgerade als seine intellektuelle Pflicht verstanden werden. Der alte Streit mit Sartre erscheint dabei obsolet und inszeniert: Denn wie Sartre hat auch Foucault sich von einer sicheren gesellschaftlichen Position aus für die Unsicheren der Gesellschaft eingesetzt, und wie Sartre indes als universeller Intellektueller, der prinzipiell zu allen Themen von einem privilegierten Posten aus Stellung bezieht, mithin eben keineswegs bloß als spezieller oder spezifischer Intellektueller operiert (siehe dazu den Beitrag: ›Die politische Funktion des Intellektuellen‹). Auch damit ergibt sich ein philosophisches Themenfeld, nach dessen Umfang es unsinnig wäre, Foucaults Werk in Phasen zu unterteilen; eher zeigt sich eine Genealogie seiner Machttheorie, die sich nunmehr geradehin rhizomatisch ausgedehnt hat: ›Die Disziplinargesellschaft in der Krise‹ und die Kontrolle, die ›gesellschaftliche Ausweitung der Norm‹, Bio-Politik und Sozialmedizin, ›Einsperrung, Psychiatrie, Gefängnis‹ und das Wissen, die ›Marter der Wahrheit‹, der Körper und die Sexualität, die Regierung, die ›Gouvernementalität‹, die Verteidigung der Gesellschaft und das ›Leben der infamen Menschen‹, zudem: die Freundschaft mit Deleuze und die intellektuelle Beziehung zu Deleuzes und Guattaris Untersuchungen über Kapitalismus und Schizophrenie – das ist der ausgewachsene Korpus der Philosophie Michel Foucaults, nachzulesen im dritten Band der ›Schriften‹, wobei der eine oder andere Text aus Merve-Bändchen wieder zu entdecken ist. Es geht insgesamt um den Komplex von Macht, Gesellschaft und Wissen. Darüber hinaus spricht und schreibt Foucault über Kinofilme und Kunstausstellungen, über den Islam und die so genannte Iranische Revolution, über den Zen-Buddhismus, über die Croissant-Affäre, die Mescalero-Affäre, über die Sowjetunion, den Realsozialismus, über die vietnamesischen Flüchtlinge, über Homosexualität und Hermaphroditen; Foucault schreibt und redet auch Unsinn: über Marx, über Sartre, über die Linke, über die kapitalistische Gesellschaft, deren ›Ordnung der Dinge‹ er ja intellektuell nicht nur kritisch untersucht, sondern durchaus auch mitgeprägt hat. Foucaults hochproblematische, euphorische Unterstützung der so genannten islamischen Revolution im Iran gehört indes nicht nur zum linken Zeitgeist der damaligen Anti-Schah-Bewegung; hier formiert sich bereits eine von der Kritik der politischen Ökonomie enthobene vermeintliche Globalisierungskritik, die später – nämlich gegenwärtig – im Namen einer ubiquitären Multitude jede noch so terroristische Aktivität als Widerstand gegen die Weltmacht USA und ihre Verbündeten propagiert, auch im Namen des Islams als berechtigt antiwestlicher Impuls. Das deutet weniger auf einen pauschalen, aber bislang noch versteckten Antisemitismus bei Foucault, den Tjark Kunstreich jüngst in der ›konkret‹ (Heft 8/2004) etwas ungeübt meinte entdeckt zu haben, sondern auf eine meines Erachtens weitaus gefährlichere Latenz, die von der alten antiimperialistischen Linken und der kulturalistisch-postmodernen Linken gleichermaßen geteilt wird: der Widerstand an sich wird zur Befreiung, die Herrschaftsverhältnisse zur Unmittelbarkeit der Macht und Gegenmacht der Straße verklärt. – Ein Namenverzeichnis und eventuell sogar ein Stichwortregister für alle vier Bände am Ende des letzten wären im Übrigen äußerst hilfreich.
Roger Behrens
hinzugefügt: January 30th 2005 Autor: Behrens, Roger Punkte:     8 Zugriffe: 6975 Sprache: deu Typ: Rezension Weitere Artikel dieses Autors:
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