Münchner Zeitschrift für Philosophie
WIDERSPRUCH










 

Reichardt, Tobias: Christian Delacampagne: Geschichte der Sklaverei

Christian Delacampagne, Geschichte der Sklaverei, aus dem Franz. v. Ursula Vones-Liebenstein, Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2004

Delacampagnes universale „Geschichte der Sklaverei“ behandelt diese Institution unfreier Arbeit von der Antike bis in die Gegenwart. Der Autor verbindet mit seinem Werk unverkennbar eine politisch-moralische Absicht: den Kampf gegen die Sklaverei, die auch im 21. Jahrhundert viele Millionen Menschen betrifft. So will Delacampagne zeigen, „wie schwer eine angeblich so ferne Vergangenheit auf unserer jüngsten Gegenwart lastet“ (S. 12). Aus-drücklich bekennt er sich zur Aufklärung und zum westlichen Rationalismus, der ihm zufolge – und darin ist ihm sicher zuzustimmen – erstmals in der Geschichte die Institution der Sklaverei als solche verwarf. Die politischen Absichten des Buches dürften ein Grund dafür sein, dass es in populärem, leicht verständlichen Stil geschrieben ist und sich offenbar an ein weites Publikum richtet. Die wechselnde historische Rolle der Sklaverei ist aber nicht nur aus unmittelbar politischen Gründen von Interesse. Außerdem ist sie nämlich von höchster Relevanz für jede Gesellschafts- und Ökonomietheorie, insbesondere so sie die Entstehung und die historische Besonderheit des Kapitalismus als System freier Lohnarbeit begreifen will.

Delacampagne unterteilt die Geschichte der Sklaverei in drei Epochen: Antike und Mittelal-ter, die Zeit des Sklavenhandels vom 15. bis zum 19. Jahrhundert sowie die Epoche seit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei. Den Ursprung der Sklaverei sieht der Autor in den antiken Kulturen des Vorderen Orients. Hier hätten zuerst die Produktivkräfte eine Entwick-lungsstufe erreicht, auf welcher ein Staat möglich wurde, den Delacampagne als Bedingung der Institution Sklaverei betrachtet. Auch in Indien, China und Japan entstand, sobald Staat-lichkeit sich etabliert hatte, die Sklaverei. Während fast alle antiken Gesellschaften die Sklavenhaltung kannten, spielte sie erst im antiken Griechenland diejenige zentrale Rolle, die es erlaubt, von einer „Sklavenhaltergesellschaft“ zu sprechen. Delacampagne spricht dem klassischen Griechenland einen der Sklaverei korrespondierenden Rassismus zu, der etwa in der aristotelischen Lehre des „Sklaven von Natur“ zum Ausdruck komme. Denn Sklaven waren hier, wie fast immer in der Geschichte, in erster Linie Fremde. Das Römische Reich – die „zweite große Sklavenhaltergesellschaft der Antike“ (S. 73) – interessiert Delacampagne unter anderem allem als Schauplatz der ersten Sklavenaufstände. „Denn im Gegensatz zu Griechenland hatte man es in republikanischer Zeit in Rom häufig mit Sklavenunruhen zu tun, da die Sklaven – im Gegensatz zur Meinung zahlreicher zeitgenössischer Historiker – ihr Schicksal scheinbar keineswegs als ‚natürlich’ empfanden“ (S. 83).

Das Mittelalter – sowohl im Okzident als auch im arabischen Raum - ist durch andere Formen persönlicher Abhängigkeit als die Sklaverei wesentlich charakterisiert; es kennt jedoch auch diese Institution, wie Delacampagne erinnert - häufig in Form von Haussklaverei. Im Mittelalter begann auch bereits der Transsahara-Handel mit schwarzafrikanischen Sklaven. Es besteht mithin eine historische Kontinuität der Sklaverei von der Antike bis in die Neuzeit. Die afrikanischen Reiche kannten die Sklaverei auch unabhängig vom europäischen Einfluss. Delacampagne neigt hier dazu, die nicht von Europäern ausgehende Sklaverei in recht beschönigendem Lichte darzustellen (S. 141). In der neuen Welt konnte man in Anschluss an schon übliche Praktiken die Ureinwohner zur Verwendung in Zuckerrohrplantagen unterwerfen. Als die indianischen Arbeitskräfte knapp wurden, begann man, Millionen von Afrikanern als Sklaven einzuschleppen. Im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts überstieg der atlantische Sklavenhandel den Transsahara-Handel. Sklaven wurden en masse zuerst auf den Zuckerrohrplantagen, dann auch im Bergbau eingesetzt. Der Höhepunkt des Sklavenhandels, in welchen hauptsächlich Portugal und Spanien, England und Frankreich involviert waren, fiel in die Zeit zwischen 1730 und 1780. Besondere Aufmerksamkeit richtet der Autor auf die Stel-lungnahmen vor allem der französischen Philosophen des Humanismus und der Aufklärung. Er erachtet es für einen grundlegenden Mangel der Aufklärung, dass diese die Sklaverei erst spät und zumeist nur halbherzig kritisiert habe. Delacampagne scheut sich nicht, diesbezüglich scharfe moralische Vorwürfe zu erheben, denn die Möglichkeit zur Kritik sei ungeachtet der gesellschaftlichen Verhältnisse prinzipiell immer gegeben: „Denn selbst da, wo eine erdrückende Mehrheit sich, ohne nachzudenken, der herrschenden Ideologie anschließt, fin-den sich nicht selten ein oder zwei Menschen, die fähig sind, anders zu denken“ (S. 197). In Kritik der Auffassung, Rassismus gebe es erst seit dem neunzehnten Jahrhundert, wird dieser Begriff hier ostentativ auch auf vorherige Epochen angewandt.

Die Periode der Abschaffung der Sklaverei erstreckt sich nach Delacampagne von 1777, ihrer Abschaffung in Vermont kurz nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, bis 1865, dem Sieg des Nordens im amerikanischen Bürgerkrieg. Das System der Sklaverei war wirt-schaftlich überholt. „Ob man nun will oder nicht, die Sklaverei und der Sklavenhandel wur-den letztlich nicht allein (und nicht einmal hauptsächlich) aus moralischen, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen abgeschafft“ (S. 209). Danach bestanden noch lange Zeit vor allem in den arabischen Ländern Relikte von Sklaverei, die nach und nach offiziell abgeschafft wurden. Obwohl sie aufgrund von diversen internationalen Abkommen rechtlich weltweit aufgehoben ist, existieren heute Formen von Sklaverei und der Sklaverei nahe kom-mende Institutionen etwa in Mauretanien, Jemen, Saudi-Arabien, Sudan und in Indien.

Bei einem universalhistorisch angelegten Vorhaben wie diesem kann der Autor nicht mit allen Epochen und Regionen gleichermaßen gut vertraut sein. Leider bemerkt man dies bisweilen. Nehmen wir das Extrembeispiel: Auf den Seiten, die der Autor der altägyptischen Gesellschaft widmet, findet sich kein Absatz ohne Missverständnisse, Fragwürdigkeiten, willkürli-che Interpretationen. Unter Ägyptologen ist umstritten, ob es im antiken Ägypten Sklaven in nennenswertem Ausmaße gegeben habe. Delacampagne scheint sich dieser Problematik bewusst, um dann aber um so unbekümmerter vermeintliche Sklaven ausfindig zu machen. Er stellt fest, dass die Frage nach den Sklaven in Ägypten nur schwer zu beantworten sei (S. 36), um dann zu schließen: „Eines ist jedoch sicher: Der Bau dieser riesigen Steinmonumente [...] konnte [...] nur dank der systematischen Ausbeutung kostenloser und gehorsamer Arbeitskräf-te durchgeführt werden. Mit anderen Worten, selbst wenn es Freie waren [...] so wurden sie in der Praxis wohl kaum besser als Sklaven behandelt.“ (S. 36 f.) Dieser Schluss macht faktisch falsche Voraussetzungen (selbstverständlich war die Arbeit der Pyramidenarbeiter nicht kos-tenlos) und ebnet jede Grenze zwischen Sklaverei und harter Arbeit ein. So fährt Delacampagne einen Absatz später denn auch fort (S. 37): „Die eigentlichen Arbeitssklaven [?] dagegen scheinen unerbittlich ausgebeutet worden zu sein und zwar während der langen Geschichte des Pharaonenreiches immer auf die gleiche Art und Weise. Um sich davon zu überzeugen, genügt ein Blick auf ikonographische Darstellungen aus ägyptischer Zeit: Wie viele Bilder gibt es da, auf denen Gefangene symbolisch mit Füßen getreten [...] werden“. Der Autor spricht von „eigentlichen Arbeitssklaven“ und verweist dafür auf die stereotype symbolische Darstellung der „Vernichtung der Feinde“ durch den Pharao, die dessen Macht darstellen und beschwören soll und mit Sklaverei rein gar nichts zu tun hat. Hier herrscht grandiose Verwirrung.

Doch solche offenkundigen Fehlinterpretationen bleiben die Ausnahme. Wichtiger sind einige fragwürdige theoretische Voraussetzungen des Autors. Delacampagne bemüht sich recht wenig um eine überzeugende Bestimmung seiner Grundbegriffe. Wo dies geschieht, ist es nicht immer überzeugend. Der moralische Impetus scheint im Ganzen stärker als die theoretische Reflexion. So setzt der Autor in der Einleitung zu einer Bestimmung der Sklaverei an und kommt zu dem naiv anmutenden Ergebnis, die historisch so verschiedenen Formen von Sklaverei stimmten darin über ein, dass sie einer „widernatürlichen Situation“ entsprächen (S. 13). Aus dem Folgenden muss man schließen, dass er tatsächlich die freie Lohnarbeit für die natürliche Situation hält. Die berechtigte Kritik an der Sklaverei geht so einher mit der naiven Affirmation des Kapitalismus. Sie macht sich auf diese Weise übrigens auch verwundbar gegenüber reaktionären Apologeten. Denn diesen fiele es nicht schwer nachzuweisen, dass es freien Lohnarbeitern oft schlechter ergehen mag als manchen formell Unfreien. Delacampag-ne unternimmt es kaum, die wechselnde Bedeutung der Sklaverei für den ökonomischen Zusammenhang zu beleuchten, weil ihm die moralische Verurteilung im Vordergrund steht: die Meinung, „dass alle Formen von Ausbeutung menschlicher Arbeit bekämpft werden sollten“ (289). Leider verschweigt er, was er unter Ausbeutung versteht. Es handelt sich um ein informatives, angenehm zu lesendes Buch, in dem die meisten Leser ihnen zuvor Unbekanntes finden werden, das zu weiteren Studien anregt und zudem mit ei-nem sympathischen politischen Ziel verbunden ist. Es enthält allerdings keine tiefere Analyse der historischen Prozesse sowie derjenigen Gesellschaften, die auf Sklaverei beruhten. Weitgehend bietet es nur Fakten, deren Darstellung von einem moralischen Interesse, nicht vom Begriff geleitet ist. Die Institution der Sklaverei führt sehr anschaulich die Unmenschlichkeit der bisherigen Geschichte vor Augen. Die moralische Empörung ist gerechtfertigt, kann aber, insbesondere bei einem Mangel an Gesellschaftstheorie, dazu verführen, die formale Freiheit im Kapitalismus bereits für die Humanität schlechthin zu halten.


hinzugefügt: September 30th 2004
Autor: Reichardt, Tobias
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Sprache: deu
Typ: Rezension
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