Widerspruch - Münchner Zeitschrift für Philosophie

Aktuelles Heft

Grenzen der Anpassung

Der Begriff der Anpassung hat nicht nur mehrere Bedeutungen, er wird auch gegensätzlich bewertet. Mit positivem Vorzeichen wird er neben der Biologie auch in der Medizin oder der Psychiatrie verwendet. Beide begreifen Anpassungsstörungen als Krankheit und versuchen, sie durch geeignete Therapien zu heilen. Mit negativem Vorzeichen ist der Begriff dagegen zumeist in der Politik oder (Sozial-) Psychologie versehen, wo Anpassung mit Konformismus, Opportunismus oder Mitläufertum assoziiert wird. Manche Bildungspolitiker warnen inzwischen vor allzu großer Anpassung, die schon im Kindergarten auf die (Leistungs-) Anforderungen des Gymnasiums und der (Elite-) Universität vorbereitet: Überanpassung mache steril und unkreativ und bewirke das Gegenteil dessen, was Schule und Ausbildung bewirken sollen, die Vorbereitung auf eine gehobene berufliche Karriere. Dagegen hat die emanzipatorische Pädagogik den Begriff der kritischen Anpassung geprägt. Ohne Anpassung ist kein soziales Leben möglich; doch sollten mündige Menschen auch die Fähigkeit besitzen, die Ziele und das Ausmaß ihrer Anpassung zu reflektieren und selbst bestimmen.


Das philosophische Interesse, das dem vorliegenden Heft zugrunde liegt, ist allgemeiner: Ausgelotet werden darin die Grenzen der Anpassung an eine Gesellschaft, die sich im Interesse des ökonomischen Wachstums und des Profits ständig beschleunigt. Es sind nicht nur die Produktion und die Zirkulation, die sich infolge fortschreitender Produktivkräfte ständig beschleunigen und höhere Anforderungen an das Können, die Verantwortung, die Konzentrationsfähigkeit  und Ausdauer der Menschen stellen. Es sind auch die Produktions- oder Arbeitsverhältnisse, die ihm immer mehr Mobilität und Flexibilität abverlangen. Davon ausgehend findet eine fortwährende Veränderung der Lebenswelt statt, die ein ständiges Umlernen und  Neu-Orientieren erfordert und vielen Menschen das Gefühl vermittelt, sich auf „rutschenden Abhängen“ (Hartmut Rosa) zu bewegen, ohne Aussicht, die eigenen Lebensumstände noch beherrschen zu können.


Nicht eingestimmt werden soll in die Klage der Kulturpessimisten, die in der Folge der zunehmenden Beschleunigung eine „neue Barbarei“ (Nietzsche) heraufziehen oder das Leben in der Sphäre der „Uneigentlichkeit“ (Heidegger) versinken sehen. Zwar ist der Mensch anpassungsfähig und entwickelt unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse eine „zweite Natur“, die die erste, biologische Natur überformt. Gleichzeitig aber stellt sich die Frage, wie weit diese Anpassungsfähigkeit geht und ob, bei fortschreitender Beschleunigung, nicht Grenzen sichtbar werden, die ihn physisch und psychisch überfordern und seine menschliche Integrität beschädigen. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob mit dem Offenbar-Werden dieser Grenzen nicht auch die Bereitschaft der Menschen wächst, sich den entfremdeten Verhältnissen entgegenzustellen.

Heft 60: Grenzen der Anpassung
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